Süddeutsche Zeitung

Kunstausstellung:Flure und Fluchten

Abwechslungsreiche Jahresschau der Germeringer "Mittwochsmaler"

Schemenhaftes Braun mischt sich in eine fluchtende, schief stehende, von Laternen gesäumte Straßenansicht. Eine Oberleitung hängt leger herab. Angefertigt hat das Aquarell "Schwabing" die Germeringer Künstlerin Ursula Gebhard. Etwa die Hälfte der 65 Werke stammt aus dem Pinsel der pensionierten Hochschullehrerin. Öl, Kreide, Acryl und Tempera - die 80-Jährige will sich immer wieder neu erfinden.

Gebhard ist Teil eines Künstlerkollektivs ohne stringentes Programm, das sich "Mittwochsmaler" nennt. Der Gruppentitel referiert dabei zum einen auf den Tag der Woche, an dem sich die Hobbymalerin mit ihren Partnerinnen Traudl Dormeier, Lilo Pfeffer und Dagmar Schmidinger wöchentlich trifft. Zum anderen spielen die Hobbymalerinnen auf die Bezeichnung "Sonntagsmaler" an. "Wir verstehen uns als Laien, die keine akademische Ausbildung durchlaufen haben", erklärt Gebhard. Nicht zuletzt distanziert sich das Kollektiv damit von exklusiven Künstlervereinigungen oder der Kritzel-Rate-Serie aus den Siebziger Jahren. Verbindendes Element der Gruppe ist, nach Gebhard, die gemeinsame Liebe zur Malerei.

Zwar stellte das Quartett seine Verkaufsausstellung ursprünglich unter das Stichwort "Winter", dennoch lassen sich neben Blumenstillleben auch mediterran anmutende Vedute sichten. Auf ebenso vielfältige Weise wie die stilistischen Möglichkeiten des künstlerischen Handlungsspektrums integrieren die Künstlerinnen auch die Natur in ihre Werke. Ausgedünnte Waldflure hängen als dunkles Omen unweit ruhender, schneebedeckter Wiesen. "Inspirierend ist die Natur gerade deswegen, weil sie so natürlich ist. Sie ist vielfältig, facetten-, farb- und formreich", sagt Gebhard. Die Pluralität an Eindrücken findet sie in der Kunstströmung verankert, deren Vertreter sich dezidiert auf die Flaggen schrieben, die Natur in der Gestalt ihrer unmittelbaren Erscheinung einzufangen. "Die Impressionisten, die können sogar Licht malen. Porträts und abstrakte Kunst hingegen sagen mir nur wenig." Vielleicht findet sich deshalb nur ein einziges menschliches Antlitz unter ihren gezeigten Werken: das der Pianistin Hélène Grimaud.

Reisen nach Italien, Frankreich oder Großbritannien waren nicht nur stilbildend, sondern sind essenziell für die Entstehung von Gebhards gesamten Oeuvre. Das Kennenlernen anderer Länder ist für sie so unverzichtbar, wie die Mitnahme ihrer Kamera. Vor allem Details will Gebhard hier einfangen. Meist handelt es sich dabei um Gegenstände, die ihren ehemals fabrikfrischen Glanz gegen die Spuren von Verfall und Vergänglichkeit getauscht haben. "Durch meine Malerei kann ich das bereits Vergangene, aber noch Bestehende in die Zeitlosigkeit holen, zumindest kurzzeitig."

Betrachter sollen vor ihren Bildern das fühlen, was auch sie während des Schaffensprozesses fühlte, die Stille eines Sees, ein zerfurchter Baum am Wegesrand oder die Isar, die zwischen Blau und Türkis oszilliert. Gebhard will ihre künstlerischen Fertigkeiten weiter ausbauen. Während sie bei Norbert Riggenmann erstmals mit Temperafarben in Berührung kam, lernte sie bei Alvaro Castagnet flüchtig zu aquarellieren. Vergleichbar mit den frühen Werken von Akademieschülern tragen auch die Gemälde der Hobbymalerin deutliche Züge ihrer Lehrer. Die ausschnitthafte Vedute der Schwabinger Straße beispielsweise entstand nach dem Workshop mit Castagnet.

Bis Samstag, 28. Dezember, sind die Werke der Mittwochsmaler in der Germeringer Stadtbibliothek zu sehen. Eine Vernissage findet am Donnerstag, 5. Dezember, um 19.30 Uhr statt. Die Besichtigungszeiten orientieren sich an den Öffnungszeiten der Bibliothek. Dienstag, Mittwoch und Freitag von 10 bis 19 Uhr, Donnerstag von 15 bis 19 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr.

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SZ vom 05.12.2019
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