Kunstaktion in Grafrath:Lichte Symbolik in einem dunklen Kapitel

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Kunstaktion in Grafrath: Hoffnung für die Situation von Geflüchteten wollen die Leuchtskulpturen von Markus Heinsdorff vor der Michaelkirche Grafrath ausdrücken.

Hoffnung für die Situation von Geflüchteten wollen die Leuchtskulpturen von Markus Heinsdorff vor der Michaelkirche Grafrath ausdrücken.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Evangelische Kirche erwirbt drei Leuchtstelen. Diese krönen Lampenschirme, die aus Schwimmwesten geretteter Flüchtlinge genäht sind

Von Sonja Pawlowa, Grafrath

Der November lässt keinen Zweifel an der Notwendigkeit des Lichts für das Leben und das Überleben. Und doch umhüllt Dunkelheit die Flüchtlinge überall. Der Asylkreis Grafrath hat daran mit einer Lichtinstallation erinnert.

Drei Leuchtstelen des Münchner Künstlers Markus Heinsdorff hat der Asylkreis erworben. Sie stammen aus dem Innenhof von Schloss Blumenthal bei Aichach. 144 dieser riesigen Lampen bildeten dort an den hellen Sommertagen einen Lichterwald. Danach wurden die Leuchtstelen teilweise verkauft, denn sie waren von Anfang an als Spendenaktion für die Flüchtlingshilfe gedacht.

Nun leuchtet die dreiteilige Installation vor der Michaelkirche in Grafrath. Ein Leuchtenfeld ist es zwar nicht, aber ein unübersehbares Zeichen. Zwischen Glockenturm und Bushaltestelle stehen die 4,40 Meter hohen Stangen mit den Lampenschirmen, die aus den Schwimmwesten der Geretteten aus dem Mittelmeer genäht wurden. Susanne Engelmann vom Asylkreis Grafrath ist froh, als die Lampen erglimmen. Ihre Bedenken, dass die drei Stelen neben der Straßenlaterne untergehen könnten, haben sich zerstreut. Ganz im Gegenteil, der orangerote Farbton der Leuchtstelen spendet dem Betrachter geistige Wärme am Abend des Buß- und Bettags. Denn die novemberliche Kälte lässt die Anwesenden in der Dunkelheit zittern.

Organisatorin Monika Glammert-Zwölfer und Pfarrer Karl Mehl begrüßen die rund 30 Gäste, die sich vor der evangelischen Kirche versammelt haben. Zwei Trompeten sorgen für die Festlichkeit. "Wer im Finsteren wandelt und wem kein Licht scheint, der hoffe auf den Namen des Herrn," zitiert der Pfarrer aus der Bibel. Nun leuchtet den Hoffnungslosen zumindest in Grafrath ein Licht. Mehl lädt das Publikum im Anschluss zu einem Gottesdienst ein, mit Musik des Quintuor-Ensembles, das Werke von Francois Lachner präsentiert.

Rein zufällig wurde der Asylkreis durch einen Zeitungsartikel auf die Heinsdorff-Installation in Blumenthal aufmerksam. Die Idee, für Grafrath Stelen zu erwerben und aufzustellen, formierte sich dann bei einem Besuch des Leuchtenfelds vor Ort. Bei den Kosten von 100 Euro pro Stele blieb es natürlich nicht. Der Transport, das Fundament für die Verankerung auf der Kirchen-eigenen Wiese, die elektrischen Anschlüsse - all das musste auch finanziert werden. Der Sinn und Zweck des Engagements dient hier wie da der Hilfe für Flüchtlinge. Seit die großen Flüchtlingsströme nach Deutschland verebbt sind, unterstützt der Asylkreis den Verein Zeltschule und die Kirchliche Seenotrettung, um den Menschen bereits im Mittelmeer und in den Flüchtlingslagern zu helfen.

Der Asylkreis besteht noch immer aus einem festen Kern von etwa 15 Personen. Unermüdlich ersinnen die Mitglieder Aktionen, die spendenfreudiges Publikum anziehen. Benefizkonzerte, Verkaufsstände mit selbstgemachten Seifen oder Kunsthandwerk der Frauen aus den Flüchtlingslagern, sogar ein offenes Zelt, das die Lernsituation bei der Zeltschule begreiflich macht - jeder Event erfordert Arbeit und Organisation. Dass Geld für die Flüchtlingsprojekte hereinkommt, ist dem Asylkreis Lohn genug. Als noch Geflüchtete direkt in Grafrath ankamen, war die Hilfe konkreter und anschaulicher. Seitdem haben sich die Fluchtwege verändert.

Monika Glammert-Zwölfer nennt Zahlen der UN, die allein im letzten Jahr 1400 im Mittelmeer ertrunkene Menschen zählt. Bayram Kouja und sein Vater stammen aus Syrien. Sie sind sehr dankbar, dass sie bei ihrer Flucht 2012 nicht den Seeweg nehmen mussten. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Grafrather Asylkreises konnte sich die Familie einleben. Vater Kouja betreibt eine Schneiderei, sein Sohn Bayram besucht die 10. Klasse eines Gymnasiums in Fürstenfeldbruck und will Jura studieren. Eine Erfolgsgeschichte.

Zur Eröffnung des Mini-Leuchtfelds ist Annika Mayer, die Geschäftsführerin von Schloss Blumenthal, gekommen. Sie begleitet das Leuchtenfeld-Projekt intensiv in seiner Weiterführung. Nur 90 der ursprünglich 144 Stelen wurden für den Verkauf freigegeben. Nun stehen sie in ganz Deutschland verteilt. Den Restbestand hat sich die Gemeinschaft Blumenthal behalten, um sie leihweise für Ausstellungen zur Verfügung zu stellen. So sind die Leuchtstelen derzeit am Textilmuseum in Augsburg zu sehen. Die Stadt Roth wird im Jahr 2022 die gesamte Leuchtenfeld-Installation nachbauen. Dazu werden zu den Originalleuchten noch einmal 100 Stück nachproduziert.

Die Kombination Kunst-Flucht liegt Annika Mayer am Herzen. Da reicht das Spektrum von Künstlern, die in Moria Bilder malten, bis zu einem richtigen Kinofilm, den eine Familie als Dokumentation ihrer Flucht gedreht hat und den die Blumenthaler Gemeinschaft an verschiedenen Orten zeigen wollte, aber augenblicklich von der Pandemie ausgebremst wird. Wichtig ist Annika Mayer der Kontext mit Ästhetik und Kultur. "Die ganze Flucht-Thematik ist so unerfreulich, weil sich scheinbar nichts verändert. Der künstlerische Aspekt und die Schönheit ermöglichen einen neuen Zugang, so dass die Leute wieder auf dieses schmerzhafte Thema schauen können", sagt sie.

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