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Kunst trifft Türen:Scharnier zwischen alter und neuer Heimat

Zehn Monate lang haben junge Flüchtlinge in einem Kunstprojekt Türen gestaltet. Auf der einen Seiten mit Szenen von vor ihrer Flucht, auf der anderen mit Situationen aus Deutschland. Nun werden die Werke in Marthashofen ausgestellt

Von Selina Deger, Grafrath

Überall im Kunsthaus Bella Martha stehen großer Holztüren an die Wände gelehnt oder liegen auf Arbeitsböcken. Einige sind mit bunten Farben bemalt und mit kleinen Mosaiksteinen beklebt, andere eher dunkel gestaltet. Auf einer der Türen sind die Länder Irak, Syrien, Türkei, Griechenland, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland auf einer Landkarte ausgemalt. Sie zeigen den Weg, den einer der jungen Männer auf der Flucht nach Deutschland beschreiten musste. Die drei Künstlerinnen Christina Kuehn, Junka Freier und Cornelia Rapp haben ein Kunstprojekt ins Leben gerufen, in dem es in erster Linie um die Verarbeitung einschneidender Erlebnisse gehen soll, die junge Flüchtlinge aus Sierra Leone, dem Senegal, Eritrea, Guinea, Syrien, Afghanistan Kroatien und dem Irak gemacht haben. Durch die Kunst sollen sie ihre Geschichte erzählen. Dafür hat Christina Kuehn im Internet alte Türen aufgetrieben. Auf der einen Seite der Türe können die Asylsuchenden die Erlebnisse, welche sie in ihrer Heimat gemacht haben darstellen. Die andere Seite der Tür soll dem Neuanfang in Deutschland gewidmet werden.

Bei dem Projekt können die jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 21 Jahren ihre Wünsche und Erfahrungen, die sie mit Deutschland verbinden, künstlerisch verwirklichen. Bevor es an das Bemalen der Türen gehen konnte, mussten die jungen Leute die Türen abschleifen. "Besonders den Jungs hat das Spaß gemacht, jeder wollte unbedingt mal schleifen", sagt Junka Freier.

Ahmad Siar ist 20 Jahre alt und kommt aus Afghanistan. Seine Familie musste er zurücklassen. Aus diesem Grund hat er seine drei Schwestern auf die Heimat-Seite seiner Tür gemalt. "Die meisten Häuser, wo ich herkomme, sind aus Erde gemacht", erklärt er. Daher ziert auch ein solches Haus den unteren Teil seiner Türe. Die Mixtur für das Haus hat er aus Erde, Farbe und Kleister hergestellt. Im oberen rechten Eck der Türe schwimmt ein Boot in dunkelblauer Farbe, der große Runde Mond steht über ihm am Himmel und aus Nägeln und Fäden hat Siar einen roten Stern gewebt. Dieser Teil des Kunstwerks soll die Flucht aus seinem Heimatland zeigen.

MARTHASHOFEN: Kunstprojekt MAUERFALL

Mit viel Liebe zum Detail gestalten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ihre Türen im Kunsthaus Bella Martha.

(Foto: Leonhard Simon)

Die Rückseite der Türe sieht anders aus. Für ihn bedeute Deutschland Freiheit, daher habe er diese durch einen Käfig, aus dem Vögel fliegen visualisiert. Auch die Dinge, die er gern mag, finden sich auf dieser Seite der Türe wieder. "Ich mag es, Gedichte und Geschichten auf Deutsch zu schreiben", sagt der 20-Jährige. Mit einem Lötkolben hat er eines seiner Gedichte in das Holz gebrannt. "Außerdem würde ich gern ein bisschen meiner Kultur nach Deutschland bringen", sagt er, aus diesem Grund würden auch die Landesfarben seiner Heimat die Türen zieren.

Ursprünglich sei das Projekt etwas anders geplant gewesen. Junge Flüchtlinge sollten das Kunstprojekt gemeinsam mit jungen Deutschen umsetzten. Es haben sich jedoch keine deutschen Jugendlichen gemeldet, sagt Kuehn. Vermutlich seien die Deutschen zu beschäftigt mit ihren eigenen Sachen, haben viel zu lernen und seien oft noch in Sportvereinen, da bliebe wenig Zeit für solch ein Projekt, vermutet die Künstlerin. Ahmad Siar findet das sehr schade, er hätte gern mehr Kontakt zu den Landsleuten. "Seit fast fünf Jahren bin ich nun hier und habe kaum Kontakt zu Deutschen", sagt er.

MARTHASHOFEN: Kunstprojekt MAUERFALL

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind zwischen 16 und 21 Jahre alt.

(Foto: Leonhard Simon)

Aber laut den Künstlerinnen ist das Projekt auch in kleiner Runde sehr interessant. Man erfahre sehr spannende, aber auch traurige Geschichten. Teilweise seien die Jugendlichen schwer traumatisiert. "Mit der Kunst wollen wir ihnen eine Möglichkeit bieten, das Erlebte ein Stück weit aufzuarbeiten", sagt Kuehn. Jedoch merken die Künstlerinnen, dass das oft nicht reicht. "Eigentlich wäre ein professioneller Psychologe nicht schlecht", merken sie an.

Innerhalb der Gruppe seien durch die Zusammenarbeit auch Freundschaften entstanden. John Barry aus Sierra Leone hat einen Baum auf seine Holztüre gemalt. Mit getrockneten Blüten, die er vor der Türe des Cafés gesammelt hat, schmückt er die Baumkrone. Er und zwei seiner Künstlerfreunde stehen um die Türe herum, gemeinsam verteilen sie die Blüten auf dem Gemälde und beraten sich, wie er die Türe weiter gestalten könnte.

Zehn Monate lang habe die Arbeit gedauert. In dieser Zeit hätten einige der jungen Menschen das Projekt verlassen müssen, weil sie in eine andere Stadt "verschoben" wurden, erzählt Kuehn. Das sei für die Jugendlichen schwer gewesen, weil sie am Projekt große Freunde gefunden hatten. Am Anfang sei es außerdem mit der Verständigung etwas schwer gewesen. "Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt oder Google-Übersetzer zur Hilfe genommen", erzählt die Künstlerin.

Heute sieht das anders aus. Alle Anwesenden sprechen Deutsch und auch untereinander unterhalten sie sich meist in der Landessprache ihrer neuen Heimat. In der Integrationsklasse der Berufsschule in Fürstenfeldbruck hatte Christina Kuehn von dem anstehenden Projekt erzählt, daraufhin haben sich 13 junge Erwachsene gemeldet, um Teil dessen zu werden. Gemeinsam gestalten sie nun die hölzernen Türen.

Auf der Türe von Fahad Kotobaldeen steht in rot-weißer Farbe "Hilti". Das Wort ist Teil der Türseite, welche die Zeit in Deutschland darstellen soll, denn Fahad hat einen Ausbildungsplatz bei dem Werkzeughersteller, wie er erzählt. "Das erste Mal habe ich von der Firma vor zwei Jahren gehört und wollte direkt dort arbeiten." Auch Ahmad Siar mache eine Ausbildung. Er befinde sich bereits im zweiten Ausbildungsjahr zum Sozialbetreuer, sagt er. Und auch Zukunftspläne habe er schon, denn nach Abschluss seiner Ausbildung möchte er sich zum Heilerziehungspfleger fortbilden lassen. Ihm sei es wichtig, dass die Menschen in Deutschland auch wissen, dass sie sich integrieren, etwas lernen wollen und nicht nur in den Tag hineinleben.

Zum Ende des Kunstprojekts findet am Samstag, 19. September, um 19 Uhr die Eröffnung der Ausstellung statt. Am Sonntag, 20., Samstag, 26., und Sonntag, 27. September, stellen die jungen Künstler und Künstlerinnen ihre Werke aus. Von 12 bis 19 Uhr können Besucher sich die bemalten Türen im Kunsthaus Bella Martha ansehen. Hierfür möchte die Gruppe Tür an Tür um das Café herum stellen. Auch für nächstes Jahr würden die Künstlerinnen gerne wieder ein solches Projekt starten, dann aber auch zusammen mit deutschen Jugendlichen.

"Mauerfall: Die Wand, die ich in mir trage, bist du" im Kunsthaus Bella Martha, Marthashofen 6. Eröffnung am 19. September, 19 Uhr. Die Ausstellung ist an den Tagen 20., 26. und 27. September von 12 bis 18 Uhr.

© SZ vom 17.09.2020

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