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Kunst:Ironische Demontage der Hochkultur

Rudi Hurzlmeier, der "Raffael der komischen Malerei", wird in Fürstenfeldbruck mit dem Pocci-Preis ausgezeichnet. Erstmals erhält ein Karikaturist die Statuette

Von Ingrid Hügenell, Fürstenfeldbruck

Rudi Hurzlmeier (re.) nimmt den Preis von Michael Köhle entgegen.

(Foto: Günther Reger)

Franz Graf von Pocci, der "Kasperl-Graf", hat nicht nur lustige Stücke für das Marionettentheater geschrieben. Er war auch Maler, Zeichner und Karikaturist und trug den Beinamen "Karikaturen-Raffael". Dieser Seite wolle sich die in Münsing am Sternberger See ansässige Pocci-Gesellschaft verstärkt widmen, erklärt Michael Stephan, Leiter des Münchner Stadtarchivs und Vorstandsmitglied der Pocci-Gesellschaft.

Und so sei es "höchste Zeit, dass der Pocci-Preis mal an einen Zeichner, Maler und Karikaturisten geht". Doch kaum sei die Entscheidung gefallen, Rudi Hurzlmeier mit dem 15. Pocci-Preis zu ehren, habe die Stadt München ihm den Ernst-Hoferichter-Preis zugesprochen. Der sei mit 5000 Euro dotiert, und Gerhard Polt habe Hurzlmeier bei der Verleihung gewürdigt, sagt Stephan bei der Preisvergabe in Fürstenfeldbruck. "Heute gibt es kein Geld und mich als Laudator."

Polt sitzt am Freitagabend im Stadtsaal im Publikum und hört zu, wie Stephan den in München lebenden Hurzlmeier als "Raffael der komischen Malerei" bezeichnet. Er lobt dessen "schwärzesten Humor", seine "unbändige Lust am Schock". Anhand des Bilds "Die Perlentaucherin" erklärt Stephan seine "ironische Demontage der Hochkultur", beginnend bei der Irreführung im Titel bis hin zu den Fröschen, die die Brustwarzen der Wasserleiche bedecken. Die stellt im persiflierten Original von John Everett Millais die ertrinkende Ophelia dar. Stephan erinnert an die mehr als hundert Ausstellungen und 45 Bücher Hurzlmeiers und nimmt ihn als weiteren Beleg für die in der SZ von Wolfgang Görl aufgestellte These, München wäre ohne die Niederbayern "ein kulturloses Nest". Hurzlmeier ist in Mallersdorf bei Straubing geboren.

Das Gemälde „Selbst im Raumgleiter“ ist in der Ausstellung zu sehen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Im Bereich der komischen Kunst kennt man sich. Stephan und der Preisträger haben unter anderem eine Verbindung über die "Saubande", den Förderverein des Münchner Valentin-Karlstadt-Musäums. Dort gestaltete Hurzlmeier 2011 zusammen mit seinen beiden Söhnen eine Ausstellung, die ihn sehr berührt habe, sagt Stephan. Sohn Julian wurde mit dem Downsyndrom geboren, seit seiner Kindheit malt und zeichnet er. Zusammen sind die drei "The Hu". Auch "Humoraktivistin" Marianne Wille würdigt Hurzlmeier und nutzt die Gelegenheit, das "Forum Humor und Komische Kunst" vorzustellen, das in München in der alten Viehmarktbank ein Zentrum für komische Kunst einrichten will - selbstverständlich ist Hurzlmeier auch dort mit von der Partie. Die Verleihung wird musikalisch begleitet von Hans Well und den Wellbappn, die sich für die erste Auftrittsmöglichkeit seit Beginn der Coronapandemie bedanken.

Schließlich überreicht Michael Köhle, der Vorsitzende der Pocci-Gesellschaft, den Preis - eine kleine Ausgabe der Pocci-Statue, die in Münsing steht. "Ich bin gerührt, aber nicht geschüttelt", sagt Hurzlmeier in seiner kurzen Dankesrede. Er habe viel gelernt über sich durch Stephan, Wille und Köhle, was er nicht gewusst habe, sagt er, und fordert zu einem großen Applaus für Gerhard Derriks auf, den Vorsitzenden des Fördervereins Kunsthaus Fürstenfeldbruck. Im Kunsthaus ist seit Freitag eine Ausstellung mit mehr als 60 großformatigen Gemälden Hurzlmeiers zu sehen. Im Stadtsaal ist eines davon, "Selbst im Raumgleiter", an die Wand hinter der Bühne projiziert. Es gibt zwei Versionen, die spiegelverkehrte, die den Umschlag des neuen Buchs "Hurzlmeiermalerei" ziert, zeige "das Motiv auf der Rückreise - die Haare sind auch ein bissl länger."Im Übrigen sei das gar nicht er auf dem Bild, sagt Hurzlmeier. Die wenigen Sätzen geben einen guten Einblick in seinen Humor.

"In dir findet der Pocci-Preis einen würdigen Träger", so sagt es Wille. Und dann kommt Polt in Fürstenfeldbruck doch noch zu Wort, denn die Humoraktivistin zitiert ihn: "Reschpekt."

© SZ vom 14.09.2020

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