Kultur:Die Kunst des Körpers

Lesezeit: 3 min

Kultur: Cassie Tumlinsons Ölgemälde "Nebula".

Cassie Tumlinsons Ölgemälde "Nebula".

(Foto: Privat)

Was kann Aktmalerei dem Betrachter heute noch Neues erzählen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung "Nude" des Puchheimer Kulturvereins.

Von Florian J. Haamann, Puchheim

Die Darstellung des nackten menschlichen Körpers gehört zu den ältesten Themen der Kunst. Die Venus von Willendorf ist die wohl bekannteste vorzeitliche Darstellung dieser Art. Die etwas weniger bekannte, 2008 gefundene Venus von Hohle Fels ist zwischen 30 000 und 40 000 Jahre alt und gilt als älteste Menschenfigur der Welt. damit ist sie der erste bekannte Akt. Was also kann der künstlerische Akt heute, nach 40 000-jähriger Geschichte noch zum Diskurs beitragen, was kann er Neues erzählen? Wie kann moderne Aktkunst aussehen? Diese Frage hat sich der Kulturverein Puchheim gestellt. Die Antworten liefert seine Ausstellung "Nude", die von Mittwoch, 25. Mai, an im Puchheimer Kulturzentrum zu sehen ist.

Eine aktuelle und vor allem wichtige Fragestellung. Gerade in einer Zeit, in der Nacktheit abstumpfend omnipräsent ist, in sozialen Netzwerken beständig die Grenzen dessen ausgetestet werden, was Gerade-noch-nicht-Nacktheit ist, um möglichst viele Likes zu bekommen, einer Sperrung aber gerade noch zu entgehen. In der meist junge Menschen durch genau diese Darstellungen mit unrealistischen und retuschierten "Schönheitsidealen" in der Wahrnehmung des eigenen Körpers mindestens verunsichert, nicht selten traumatisiert werden.

Umso spannender und wichtiger, dass unter den 27 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern neun Mitglieder der jungen Plattform "Vivid" des Kulturvereins sind. Alle Anfang bis Mitte 20 und damit Teil der Generation, die sich quasi tagtäglich mit der Selbstobjektifizierung von Beauty-, Fashion- und anderer Influencer und Influencerinnen auseinandersetzen muss. So gelingt es der Ausstellung, eine generationenübergreifende Auseinandersetzung mit dem Thema des Akts zu schaffen, Generationen, Geschlechter, Standpunkte miteinander in Dialog und Diskussion zu bringen.

Kultur: Jule Vortisch erklärt mit ihren Fotografien die Akzeptanz des eigenen Körpers zum Akt der Rebellion.

Jule Vortisch erklärt mit ihren Fotografien die Akzeptanz des eigenen Körpers zum Akt der Rebellion.

(Foto: Privat)

"Meine Gedanken werden weiter meinen Körper zerdenken / seine Wunder ignorieren / und ihn mit Hass überschütten / Nicht weil ich ihn hasse / sondern weil es mir so beigebracht wurde / Meinen eigenen Körper zu lieben ist eine Rebellion" schreibt die 2002 geborene Jule Vortisch zu ihrer Arbeit, zwei Fotografien eines nackten Rückens, in schwaches rotes Licht getaucht. Es ist zu sehen, dass der gezeigte Mensch sich selbst umarmt. Während die 68er Nacktheit und offene Sexualität als Rebellion gegen konservative Konventionen der frühen Bundesrepublik genutzt haben, muss heute der eigene Körper gegen einen diskurs-dominierenden Zwang zu vermeintlicher Perfektion verteidigt werden. Die Grenzen sind enger geworden.

Zurück auf Null versucht auch Cassie Tumlinson die Wahrnehmung des Körpers zu setzen, wenn sie in ihrem Ölgemälde "Nebula" eine nackte Frau aus einem Ei schlüpfen lässt, umgeben von einem in Violett-Tönen gehaltenen Nebel, der an astronomische Fotografien von entstehenden Galaxien erinnert. Deutlich sind in ihrem Bild surrealistische Einflüsse zu erkennen, dieser untrennbar mit Salvator Dalí verbundenen Bewegung, die sich mit ihren absurden und bunten Motiven als Gegengewicht zu traditionellen Normen verstanden hat.

Kultur: Aus historischen Fotografien macht Anna Kirsch eine Collage.

Aus historischen Fotografien macht Anna Kirsch eine Collage.

(Foto: Privat)

Mit einem traditionellen Rollenbild beschäftigt sich Anna Kirsch. Einer Welt, in der die Frau dem Mann untertan ist oder, wie es im biblischen Brief des Paulus an die Epheser heißt: "Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn / Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist, die er als seinen Leib erlöst hat." Dazu verwendet Kirsch drei historische Fotografien von Beginn des 20. Jahrhunderts und verbindet sie zu einer Collage. In der Mitte ein Jäger mit Gewehr, flankiert wird er von zwei lasziv posierenden nackten Frauen. Sofort denkt man an die vielen Berichte, Artikel, Erzählungen, in denen Frauen davon berichten, wie oft sie es erlebt haben, dass Männer sie wie "Freiwild" behandeln.

Kultur: Marta Zientkowska-Schulz löst das Körperliche in "Die Entscheidung" ins Abstrakte auf.

Marta Zientkowska-Schulz löst das Körperliche in "Die Entscheidung" ins Abstrakte auf.

(Foto: Privat)

Ein Thema klassischer Aktmalerei ist die Studie von Proportionen und Bewegungen. Auch davon ist in der Ausstellung einiges zu sehen. Felicitas Sommer etwa zeigt eine Tuschezeichnung einer Schwangeren, Barbara Saatze eine Gipsskulptur einer Sitzenden und die Akademiestudentin Laura Manno zwei Zeichnungen mit nackten Frauenkörpern, die Hände auf die Hüfte gestützt und sitzend mit dem Arm auf dem Oberschenkel abgelegt. Elsa Nietmann präsentiert mit der Holzskulptur "Amazone" einen selbstbewusst blickenden Torso. Grafischer dagegen kommen die Arbeiten der drei Graffitikünstler Loomit, Lando und Frank Cmuchal daher. Ins Abstrakte löst dann Marta Zientkowska-Schulz den Akt in ihrem Gemälde "Die Entscheidung" auf. Ein Körper ist darauf nicht mehr zu erkennen. Nur noch Farbe.

Ausstellung "Nude", Galerie im Puchheimer Kulturzentrum, Vernissage am Mittwoch, 25. Mai, von 19 Uhr an. Danach zu sehen bis zum 12. Juni, geöffnet montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr, dienstags und donnerstags zusätzlich von 14 bis 16 Uhr und samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr

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