PuchheimKuba zwischen Schwarz und Weiß

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"Im schönsten Land ist der Apfel von Gomez keine verbotene Frucht": Das Bild (rechts) ist der Hauptstadt Havanna, vor allem aber den Menschen und ihren Symbolen gewidmet.
"Im schönsten Land ist der Apfel von Gomez keine verbotene Frucht": Das Bild (rechts) ist der Hauptstadt Havanna, vor allem aber den Menschen und ihren Symbolen gewidmet. (Foto: Carmen Voxbrunner)

Nelson Ramos Sandoval ist in Havanna geboren und lebt in Eichenau. Im Puc zeigt der Künstler noch bis zum Sonntag eine Auswahl seiner farbenfrohen Bilder, die sich dem ganzen Spektrum der tropischen Insel widmen.

Von Stefan Salger, Puchheim

Ein gewisser Abstand ist hilfreich, um den Werken von Nelson Ramos Sandoval näherzukommen. Wer zu nah an dieser 1,60 auf 1,34 Meter großen Leinwand steht, droht sich zu verlieren in einem Detail und darüber das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Aus einer gewissen Distanz hingegen erschließen sich zumindest für den Eingeweihten doppeldeutige Symbole. Vor allem manifestiert sich dann ein Gemütszustand: sprühende, bunte Lebensfreude. Lebensfreude, wie sie in der erneut angespannten ökonomischen und politischen Lage auf der bekanntesten Karibikinsel bisweilen aus dem Blick zu geraten scheint. Noch bis zum Sonntag sind 15 Bilder und drei Skulpturen des kubanischen Künstlers Nelson Ramos Sandoval auf der Galerie des Kulturzentrums Puc zu sehen, die bei Interesse auch erworben werden können.

Der Name der Ausstellung ist Programm: Realidades á Colores - farbige Wahrheiten. Die in kräftigen Pinselstrichen aufgetragene Farbe spielt in den großformatigen Ölbildern eine herausragende Rolle. Dabei ist sie kein Selbstzweck, sie dient vielmehr der Vermittlung einer unerschütterlich positiven und lebensbejahenden Botschaft. Besucher tauchen ein in eine Welt, die anders tickt, geprägt von einer Mischung aus Katholizismus und Naturreligion. Eine Welt voller Lebenskünstler, in der man mit Kreativität und Extrovertiertheit über die Runden kommt. Für die 1959 eine Zäsur war. Damals zogen die Revolutionäre unter Führung von Fidel Castro und Che Guevara siegreich in Havanna ein. Koloniale Villen und US-Straßenkreuzer, die heute noch als Sammeltaxen durch Schlaglöcher rumpeln, zeugen von den angeblich goldenen Jahren davor. Seit das US-Embargo und eine bisweilen falsch verstandene reine sozialistischen Lehre die Zuckerinsel in die Knie gezwungen haben, bröckeln die Stuckfassaden und die gähnend leeren Regale in den staatlichen Läden offenbaren die dunklen Seiten der Mangelverwaltungswirtschaft.

Das Holz für seine Skulptur hat Nelson Ramos Sandoval am Starzelbach gesammelt. Auf dem Bild rechts hinten ist seine Mutter Lázara zu sehen, umgeben von den Symbolen der 16 Schutzheiligen.
Das Holz für seine Skulptur hat Nelson Ramos Sandoval am Starzelbach gesammelt. Auf dem Bild rechts hinten ist seine Mutter Lázara zu sehen, umgeben von den Symbolen der 16 Schutzheiligen. (Foto: Carmen Voxbrunner)

Doch es gibt das Spektrum zwischen Schwarz und Weiß: ein Bildungs- und Gesundheitssystem, auf das andere lateinamerikanische Länder neidisch sind. Ärzte, Lehrer, Musiker, Tänzer und Künstler sind in einem kaum industrialisierten Land zu Exportschlagern geworden. Humankapital. Der sonst sehr offene und redselige Nelson Ramos Sandoval hält sich mit politischen Aussagen zurück. Wohlwissend, dass sich ein Riss zieht durch viele Familien. Oftmals lassen die älteren Generationen nichts kommen auf die Revolutionäre, während die Jüngeren in Scharen das Land verlassen - Richtung USA oder Europa. Und doch bleibt Ramos Sandoval dabei: "Ich liebe Kuba."

Der in Havanna geborene Lehrer für Technisches Zeichnen hat einer gewissen Anlaufphase bedurft, um zur Kunst zu finden. Die Liebe, die ihn vor mehr als drei Jahrzehnten nach Deutschland geführt hat, ebnete den Weg. Der heute 67-Jährige zeichnete zwar auch früher in seiner Heimat und schrieb Gedichte. Doch vor allem in seinem neuen Wahlheimatort Eichenau findet er die Ruhe für seine großformatigen Bilder und die Skulpturen, für die er knorrige Wurzeln oder Äste bei Wanderungen am Starzelbach sammelt. Die Winter verbringt er gemeinsam mit seiner Frau Irmi Stark regelmäßig auf Kuba - die Heimat jenseits des Ozeans bleibt Quell der Inspiration.

Die Ausstellung auf der Galerie des Kulturzentrums ist noch bis einschließlich Sonntag zu sehen.
Die Ausstellung auf der Galerie des Kulturzentrums ist noch bis einschließlich Sonntag zu sehen. (Foto: Carmen Voxbrunner)

In seinen Bildern verarbeitet Nelson Ramos Sandoval Themen aus dem Alltag, der Geschichte und der Spiritualität. Auf einem ist seine Mutter Lázara zu sehen, es entstand 2019, zwei Jahre nach ihrem Tod. Sie war in der afro-kubanischen Kultur eine Santera, eine "Eingeweihte". 16 Quadrate symbolisieren jene Santos, also eine Art Schutzheiliger. Ähnlich detailreich ist das Bild, vor dem seit der Vernissage Ende Mai immer wieder Besucher stehen bleiben - und dann bisweilen wieder einen Schritt zurücktreten. Der etwas sperrig anmutenden Titel des Werkes, das Ramos Sandoval für eine in Havanna geplante Ausstellung angefertigt hat: "Im schönsten Land ist der Apfel von Gomez keine verbotene Frucht". Das Bild ist der Hauptstadt Havanna, vor allem aber den Menschen gewidmet. Aus der gebotenen Distanz fügen sich die Details zu einem Ganzen: Da taucht die schwarze Virgen de Regla auf, Schutzpatronin der Seeleute und der Bucht von Havanna. Und da tauchen die vier namensgebenden Äpfel auf, die sich im Gewimmel verbergen und ein Beispiel sind für Begriffe, die in Kuba verschieden interpretiert werden können.

Die Ausstellung Farbige Wahrheiten ist bei freiem Eintritt noch bis Sonntag, 18. Juni, im Puchheimer Kulturzentrum Puc zu sehen. Dienstag, Donnerstag und Freitag jeweils von 8 bis 12 Uhr, Dienstag von 14 bis 16 Uhr, Donnerstag von 14 bis 18 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Am Samstag von 15 Uhr an erklärt der Künstler Geschichten und Symbole in seinen Bildern.

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