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Kritischer Diskurs in Fürstenfeldbruck:Widerstand gegen Kiesabbau

Ein Teil des insgesamt 3,5 Kilometer langen und bei Bruckern beliebten Walderlebnispfads, der durch den Rothschwaiger Forst führt, verläuft über das potenzielle Abbaugebiet.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Verhindern kann Fürstenfeldbruck die Rodung von fast 18 Hektar Wald wohl nicht. Gleichwohl äußert die Stadt in einer Stellungnahme "Unbehagen" und verweist auf den Klimaschutz. In die Kritik geraten auch die Staatsforsten

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Der Widerstand gegen den Kiesabbau in den Rothschwaiger Forst hinein nimmt zu. Unter Druck geraten auch die Bayerischen Staatsforsten, die ein etwa 17,6 Hektar großes Waldgrundstück an ein Unternehmen verpachtet haben, sowie der Freistaat, der nach Auffassung der Grünen den Klimaschutz in seinen grundlegenden Regionalplänen nicht gebührend berücksichtigt. Innerhalb von 15 Jahren sollen im Westen der Kreisstadt etwa 1,5 Millionen Kubikmeter Kies abgebaut werden, bevor das Gelände verfüllt und mit einem Mischwald wiederaufgeforstet werden soll.

Die Stadt will nun einen Bebauungsplan aufstellen, um die Errichtung von Gebäuden und den Recycling-Betrieb auf dem Gelände der Kiesgrube Puch (ehemalige Stockinger-Kiesgrube) unterbinden und bei der Erweiterung in südliche Richtung zumindest mitreden zu können, wenn es um die Abfolge und den Zeitplan für Renaturierung und Wiederaufforstung geht. Das hat der Umweltausschuss mit großer Mehrheit beschlossen. Weil die Fläche im Regionalplan als Vorranggebiet für den Kiesabbau ausgewiesen ist, gibt es aus Sicht der Stadt kaum Spielraum, dem "Antrag auf Abbaugenehmigung für den Trockenabbau von Kies mit anschließender Wiederverfüllung und Rekultivierung auf den Teilflächen" zu widersprechen. Gleichwohl soll im Zuge des Genehmigungsverfahrens nebst Umweltverträglichkeitsprüfung mit einer Stellungnahme das große "Unbehagen" der Stadt zum Ausdruck gebracht werden - die zunächst vorgeschlagenen Begriffe "Äußerstes Missfallen" waren Oberbürgermeister Erwin Raff (CSU) zu drastisch.

Gemeinsam mit dem Kiesgruben-Experten und Freie-Wähler-Stadtrat Georg Stockinger, dem Bund-Naturschutzmitglied und Grünen-Stadtrat Thomas Brückner sowie Altlastenexperte und Umweltbeiratsmitglied Martin Höckenreiner wurde der Entwurf für den Wortlaut einer solchen Stellungnahme ausgearbeitet. Darin wird auf den jüngst einstimmig gefassten Stadtratsbeschluss hingewiesen, "die Eindämmung der Klimakrise und ihrer schwerwiegenden Folgen als Aufgabe höchster Priorität anzuerkennen". Die Stadt plädiere auch im Bewusstsein der Rechtslage für einen kompletten Verzicht auf den Eingriff. Als Minimallösung soll der in drei aufeinanderfolgenden Abschnitten geplante Abbau in den insgesamt 250 Hektar großen Rothschwaiger Forst, der als Naherholungsgebiet gilt, so schonend wie möglich erfolgen und die Klimabilanz möglichst ausgeglichen werden. Der Anteil von Bauschutt am Verfüllungsmaterial dürfe 15 Prozent nicht übersteigen.

Als Vertreterin der Kreisgrünen blickt Gina Merkl bereits über das Projekt im Brucker Westen hinaus. Die Politikerin, die auch dem Stadtrat sowie dem Kreis- und Bezirkstag angehört, plädiert in einem öffentlichen Aufruf eindringlich für eine "klimaschutzfreundliche Regionalplanung". Auch der Freistaat sei hier "über den Landesentwicklungsplan in der Pflicht. Walderhalt muss auch in Fürstenfeldbruck im Vordergrund stehen". Merkl zeigt sich besorgt, dass der Kiesabbau das nahe Trinkwasserschutzgebiet sowie den Waldlehrpfad als Bildungsinstitution beeinträchtige. Gewinnerzielungsabsichten will sie dem Waldschutz und der Förderung der Biodiversität im Lebensraum Wald unterordnen. "Um zukünftigen Generationen eine sozial-ökologische Zukunft zu ermöglichen, ist ein radikales Umdenken unerlässlich", so Merkl. Zuspruch kommt von der Grünen-Bundestagsabgeordneten Beate Walter-Rosenheimer, die an die 2007 auf Bundesebene beschlossene "Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt" erinnert. Dieser zufolge sollten bis 2020 fünf Prozent der deutschen Wälder ihrer natürlichen Entwicklung überlassen werden. "Dieses Ziel wird Bayern weit verfehlen, und der Umgang mit dem Rothschwaiger Forst trägt erheblich dazu bei." Gerade die Bayerischen Staatsforsten, in deren Besitz das umstrittene Grundstück ist, müssten zudem Vorreiter beim Schutz dieses wertvollen Ökosystems werden, so Merkl.

Auch andere Stadträte wollen die Rolle der Staatsforsten geklärt wissen. Deren Pressesprecher Jan-Paul Schmidt räumt auf Nachfrage der SZ ein, dass die Einstufung als Vorrangfläche Kiesabbau im Regionalplan mitnichten bedeutet, dass die Staatsforsten zu einem Verkauf des Grundstücks verpflichtet wären. Gleichwohl bestätigt er den Abschluss eines "Standortsicherungsvertrags", dem im Fall der Abbaugenehmigung durch das Landratsamt als zuständiger Behörde ein zeitlich befristeter Pachtvertrag folgen soll. Der Erhalt der Wälder sei den Staatsforsten ein wichtiges Anliegen, betont Schmidt. Die Aufgabe der 2005 gegründeten Anstalt des öffentlichen Rechts, die sich im Auftrag des Freistaats landesweit um gut 750 000 Hektar Wald kümmert, gehe aber darüber hinaus: "Bei der Bewirtschaftung der Waldflächen sind neben dem Ziel der Walderhaltung die vielfältigen Belange der Gesellschaft - wie beispielsweise die sichere Versorgung mit Rohstoffen - zu beachten." Schmidt beruft sich auf den Regionalplan - und auf die der Kiesgewinnung und Verfüllung folgende Rekultivierung und Aufforstung mit "artenreichen Mischwäldern".

Die Fürstenfeldbrucker Firma, die das Kieswerk betreibt, war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Jan Halbauer (Grüne) will per Online-Petition den Landtag auffordern, den Regionalplan zu ändern, um den Rothschwaiger Forst komplett zu erhalten (www.openpetition.de/petition/online/wald-ist-zukunft-rothschwaiger-forst-erhalten)

© SZ vom 07.08.2020

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