Süddeutsche Zeitung

Kommunalpolitik:Zu viele Ehrenämter

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Kathrin Sonnenholzner verabschiedet sich nach 22 Jahren aus dem Fürstenfeldbrucker Kreistag. Als Präsidentin der Arbeiterwohlfahrt Deutschlands hat sie für das Mandat keine Zeit mehr.

Von Gerhard Eisenkolb, Jesenwang

Für die ehemalige Landtagsabgeordnete Kathrin Sonnenholzner (SPD) endet nach 22 Jahren an diesem Donnerstag bei der Kreistagssitzung im Landratsamt ihre Tätigkeit als Kreisrätin. Die Jesenwangerin begründet diesen Schritt mit ihrem ehrenamtlichen Engagement als Präsidentin des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt (Awo), einem der fünf größten, der SPD nahestehenden Wohlfahrtsverband in Deutschland. Seit ihrer Wahl in dessen Doppelspitze vor drei Jahren gehört es unter anderem zu ihren Aufgaben, regelmäßig in ganz Deutschland Landesverbände und Awo-Einrichtungen zu besuchen. Sie sei also sehr viel mit dem Zug unterwegs, wie sie sagt, was sich nicht mehr mit der regelmäßigen Teilnahme an Sitzungen der Kreisgremien vereinbaren lasse.

Der Kreistag verliert damit eine seiner erfolgreichen Spitzenpolitikerinnen und eine profilierte Sozialdemokratin, die in der politischen Auseinandersetzung auf Sachargumente setzt, statt zu poltern. Laut Sonnenholzner hätte die Landkreispolitik wegen der im Kreistag behandelten Themen und der dort geführten spannenden, oft schwierigen Diskussionen mehr Aufmerksamkeit verdient. Der politische Schwerpunkt der Ärztin und Gesundheitsexpertin lag zuletzt auf der Mitarbeit im Verwaltungsrat der Kreisklinik.

Ihr Rücktritt erfolgt aus dem gleichen Pflichtbewusstsein, mit dem sie seit ihrem Eintritt in die SPD vor 50 Jahren von der Orts-, über die Kreis- und stellvertretende Bezirksvorsitzende die Ochsentour durch Parteigremien auf sich nahm sowie von der Gemeinderätin bis zum Abgeordnetenmandat im Landtag ihre politischen Ämter ausübte. Als Grund für ihr politisches Engagement nennt die 67-Jährige die soziale Ungerechtigkeit und unter dem Schlagwort "nie wieder" die Notwendigkeit, dem erstarkenden Rechtsextremismus etwas entgegenzusetzen.

Beides sei leider so aktuell wie 1974 bei ihrem Parteieintritt. So öffne sich die Schere zwischen Armen und Reichen immer weiter. Als Beispiel für die aktuelle Bedrohung durch Rechtsextreme führt sie an, dass in Thüringen inzwischen Menschen nur deshalb unter Druck gesetzt würden, weil sie bei der Awo arbeiten. Beides empört sie und sei nicht hinnehmbar. Da sie das umtreibt, nahm sie am vergangenen Sonntag an der Großdemonstration in München teil. Dass inzwischen ein wachsender Teil der Zivilgesellschaft ihre Sorgen um die Zukunft der Demokratie teilt, und weit mehr als 100 000 Menschen ein Zeichen gegen das Erstarken der Rechtsextremen und deren Pläne ein Zeichen setzten, stimmt sie optimistisch. Die schweigende Mehrheit stehe zur Demokratie und deren Werten.

Die Werte der Partei

Auch durch parteiinterne Kritiker, politischen Gegenwind, Krisen und den Abwärtstrend der SPD im Bund, im Land und im Landkreis ließ sie sich nicht von ihren Überzeugungen abbringen. Sonnenholzner ist eine Sozialdemokratin, die beharrlich für die Werte ihrer Partei steht. Einen Herzenswunsch blieb der Ärztin in den 15 Jahren als Landtagsabgeordnete verwehrt: das Amt der bayerischen Gesundheitsministerin. Das wäre nur möglich gewesen, wenn Ministerpräsident Markus Söder 2013 eine Koalition mit der SPD und nicht mit Hubert Aiwanger und Freien Wählern eingegangen wäre. Eigentlich ist es nicht die Art der SPD-Politikerin sich und ihre Ambitionen in den Vordergrund zu stellen. "Es geht um Themen, nicht um mich", lautet ein für sie typischer Satz.

2018 wollte die Mutter von drei erwachsenen Kindern nach ihrem Ausscheiden aus dem Landtag das Leben ruhiger angehen und endlich tun, was bisher zu kurz kam. Zum Beispiel reisen, wandern, lesen, ihre Walking-Runden intensivieren, das Hackbrettspielen und die Herstellung von Käse erlernen. Letzteres am liebsten in der Abgeschiedenheit einer Alm. Dann ließ sie sich jedoch dazu überreden auf einem aussichtslosen Platz, ohne Aussicht auf ein Mandat ein letztes Mal für den Kreistag zu kandidieren - und wurde prompt wiedergewählt. Es folgte die Corona-Pandemie und - ebenfalls unerwartet - die fordernde Führungsaufgabe bei der Awo, die die gemeinsame Zeit mit ihrer Familie und den beiden Enkelinnen beschneidet. Aber sie tröstet sich damit, dass im Familienleben die Qualität mehr zählt als die Quantität. Und das eine oder andere, wie zu musizieren oder Käse zu machen, lässt sich ja später nachholen.

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