Süddeutsche Zeitung

Kreiskulturtage:Kultur zum Selberpflücken

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Der Fürstenfeldbrucker Verein "Turmgeflüster" geht neue Wege und zeigt Theateraufführungen an öffentlichen Plätzen.

Von Matthias Weigand, Fürstenfeldbruck

"Komm nur, du kleiner Mann! Mir geschieht nichts, solange deine Mutter eine Frau ist und dich auch geboren hat, wirst du mir gar nichts", schreit Macbeth im Schwertkampf mit Stöcken zu Macduff. Nur wenige Augenblicke später wird sich diese Annahme als falsch erweisen, und die Hauptfigur im Drama von Shakespeare wird zu Boden gehen. Das allerdings nicht auf einer Theaterbühne, sondern mitten im Foyer des Stadtmuseums in Fürstenfeldbruck. Das Publikum sind Museumsbesucher, die gerade ihre Tickets kaufen wollen. Doch dann werden sie vom Fürstenfeldbrucker Kulturverein "Turmgeflüster" mit einer 15-minütigen Inszenierung von Macbeth überrascht.

Das Ziel der Theatergruppe ist es, sich den öffentlichen Raum in Fürstenfeldbruck zur Bühne zumachen. Mit spontanen Theater- und Impro-Flashmobs wollen sie laut Lisa Mai, der Regisseurin des Stücks, auf das Publikum zugehen und nicht andersherum. "Das Theater muss für die Leute wieder zugänglicher gemacht werden. Ich wollte den klassischen Raum im Theater aus Publikum und Bühne aufbrechen und auf die Straße bringen. Jeder, der will, kann stehen bleiben und zuhören", sagt Mai. Sie hat das Stück umgeschrieben und hatte die Idee, damit auf die Leute zuzugehen. Nach Macbeth spielte die Gruppe im Museum auch Improtheater - direkt neben Exponaten zum Kloster Fürstenfeld. Der Auftritt war nicht der erste der Theatergruppe an diesem Tag. Zuvor spielte sie vor dem Eingang des Amper-Einkauf-Zentrums am Bahnhof Buchenau und im Scala-Kino.

Doch nicht nur mit Schauspiel soll Kultur in der Öffentlichkeit verbreiten werden. Straßenpoesie soll dadurch entstehen, dass die Gruppe schöne Worte mit Straßenmalkreide auf Plätze und Wege schreibt. Darüber hinaus gibt es "Kultur zum Selberpflücken", wie es Christine Dietzinger, die Vorsitzende von "Turmgeflüster", beschreibt. Fiktive Liebesbriefe werden im Landkreis verteilt und so zum Beispiel in Bäume gehängt oder auf Parkbänke gelegt. Inspiriert wurden sie von Shakespeares "As you like it", das der Verein 2019 aufgeführt hatte. Darin schreibt die Figur Orlando Liebesbriefe an Rosalind und versteckt diese für sie in Bäumen. Außerdem kann man Lesezeichen mit Zitaten aus den Lieblingsbüchern der Mitglieder finden. Darauf ist auch ein QR-Code, der auf den Verein verweist und eine Erklärung zu den zitierten Werken bietet. Dietzinger möchte damit Impulse setzen, damit die Menschen selbst anfangen sich literarisch auszuprobieren.

"Mein Ziel ist es, einen Raum für Kinder und Jugendliche zu schaffen, dass sie ihre eigenen Ideen verwirklichen können. Es soll nicht ein Erwachsener vorgeben, was gemacht wird, sondern alles soll von ihnen selbst kommen", erklärt Dietzinger das Ziel von "Turmgeflüster". Sie hat den Verein 2014 gegründet, inzwischen hat er mehr als 100 Mitglieder. Neben einer Schreibwerkstatt und den Theatergruppen gibt es viele Projekte und Workshops, bei denen die Mitglieder flexibel mitmachen können. So war es auch bei Mais Projekt, an dem sich sechs Kinder und junge Erwachsene im Alter zwischen 13 und 29 Jahren beteiligten.

"Als wir draußen gespielt haben, waren die Leute zum Teil sehr überrascht. Als Valerie im Stück gestorben ist, haben sich manche wirklich Sorgen um sie gemacht", sagt Pia. Ansonsten seien viele Passanten begeistert stehen geblieben. "Es ist spannend zu sehen wie die Reaktionen aus dem Publikum ausfallen. Im Theater weiß man schon, was einen erwartet. Hier ist alles spontan", schildert Jay.

Die Aktionen sind Teil der Kreiskulturtage im Landkreis, die noch bis zum 20. Mai dauern. Die nächsten Auftritte der Gruppe finden am 27. April und 4. Mai statt. Die genauen Orte werden auf der Hompage unter www.turmgefluester-verein.de bekannt gegeben.

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