bedeckt München 30°

Kreiskrankenhaus Fürstenfeldbruck:Klinik-Personal fordert Corona-Prämie für alle

"Unfair und extrem deprimierend": Kristina Oldenburg kritisiert Gesundheitsministerin Melanie Huml.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ein Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter soll vom Staat keine Extrazahlung erhalten. Die Betroffenen schicken eine Petition an die Ministerin

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Unter dem Personal in der Kreisklinik regt sich Unmut über Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Grund dafür ist, dass nicht alle Beschäftigten eine Corona-Prämie von 500 Euro bekommen sollen. Die operationstechnischen Assistenten (OTA) könnten leer ausgehen. "Das ist unfair und extrem deprimierend", sagt Kristin Oldenburg, eine der Betroffenen, die eine Petition gestartet haben.

Die Pandemie macht deutlich, wie viele Menschen wichtige Arbeit leisten, aber schlecht bezahlt werden. Dazu gehört das Pflegepersonal. Dabei sind die OTA in einer besonderen Situation. "Wir kämpfen seit über 20 Jahren um die Anerkennung der Deutschen Krankenhausgesellschaft", erzählt Oldenburg. Sie und ihre Kolleginnen würden als Technikerinnen bewertet und rangierten im Tarifvertrag eine Stufe unter den Schwestern im Operationssaal, "obwohl wir die gleichen Funktionen ausüben". Oldenburg hat ihre Ausbildung vor zehn Jahren abgeschlossen, an der Brucker Klinik hat sie im OP eine Position in der Bereichsleitung. Sie ist zuständig dafür, dass die Standards eingehalten werden, die richtigen Instrumente oder die Lagerung. Oldenburg und ihre Kolleginnen sind deshalb über die neuerliche Diskriminierung ziemlich verärgert.

In der Petition wird der Ministerin vorgeworfen, "entweder komplett uninformiert" über den Beruf zu sein oder "bewusst eine unterschiedliche Wertung" vorzunehmen und zwei Lager zu schaffen. "Nicht nur die aktuelle Ungerechtigkeit ist ein Schlag ins Gesicht, auch das, wofür wir all die Jahre gekämpft haben, wird mit Füßen getreten", heißt es in der Petition, die inzwischen von mehr als 300 Personen unterzeichnet wurde. Seit Jahren müssten sich die operationstechnischen Assistenten für ihre Qualifikation und Arbeit rechtfertigen.

Für den Vorsitzenden des Personalrats der Brucker Klinik ist es eine "Frage der Gerechtigkeit". Holger Geißler betont, dass das gesamte Pflegepersonal ebenso wie die Rettungskräfte "absolut unterbezahlt" seien. Gehalt und Leistung klafften immer weiter auseinander, während die Leistungsverdichtung "enorm" sei. Früher sei eine Schwester für fünf Patienten zuständig gewesen, heute soll sie 20 bis 30 Menschen betreuen, aber in kürzerer Zeit. "Das Hamsterrad dreht sich immer schneller", rügt Geißler.

Die Gewerkschaft Verdi hat schon Ende April kritisiert, dass nicht alle die bayerische Prämie kriegen. "Arbeit im Gesundheitswesen ist Teamarbeit, deswegen haben alle den Zuschlag verdient", sagte Robert Hinke, Landesfachbereichsleiter Gesundheit und Soziales. Nicht nur die OTA, sondern auch Mitarbeiter in den Laboren oder das Reinigungspersonal. In der Klinik sieht man das genauso. "Alle sind involviert, die Differenzierung ist kompliziert", sagte die neue Pressesprecherin Beate Brix. Deshalb habe man auch allen eine Bestätigung ausgestellt. Insgesamt arbeiten in der Klinik etwa 400 Pflegekräfte.

Es sei ein grundsätzliches Problem, dass Kolleginnen im Gesundheits- und Sozialbereich benachteiligt würden, sagt Hinke. Das habe historische wie geschlechtsspezifische Gründe. Der Sektor wurde einst von kirchlichen und karitativen Gruppen dominiert, bis heute seien die meisten Beschäftigten weiblich, die schlechter bezahlt werden. Eine jahrzehntelange "auf Effizienz und Wettbewerb getrimmte Gesundheits- und Sozialpolitik" habe die Lage verschärft, heißt es in einem offenen Brief, den Betriebs- und Personalräte aus Krankenhäusern und Seniorenheimen an die Staatsregierung geschickt haben. Dabei geht es nicht nur um bessere Löhne, betont Hinke, sondern um Personalmangel, extreme Arbeitsverdichtung oder Schichtbetrieb. Insbesondere das System der Fallpauschalen habe dazu geführt, dass Personal und Kapazitäten abgebaut wurden.

Durch die Pandemie habe sich die Lage zugespitzt, die Regeln der Normalarbeitszeit wurden außer Kraft gesetzt, sagt der Personalratsvorsitzende der Brucker Klinik. Inzwischen sei man "auf dem Weg zum Normalbetrieb", und Geißler hofft, dass etwas "von der in der Corona-Zeit verbal bekundeten Wertschätzung übrig bleibt". Er wirft den Politikern vor, den Gesundheitsbereich "zu Tode gespart" zu haben. Wegen Unterbezahlung und Mehrbelastung würden immer weniger junge Leute den Pflegeberuf ergreifen. Dabei gehen die Kräfte aus den geburtenstarken Jahrgängen langsam in Rente.

© SZ vom 24.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite