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Kreisklinik:Die ganz normale Klinikmisere

Das Kreiskrankenhaus hat keine speziellen strukturellen Probleme - zu diesem Ergebnis kommt der Kreistag in einer Sondersitzung.

Auf menschliches Versagen in Verbindung mit einem eng geschnittenen finanziellen Korsett hat Landrat Thomas Karmasin (CSU) am Montag in einer Sondersitzung des Kreistages zurückgeführt, dass die Kreisklinik in den vergangenen Wochen wiederholt von Patienten heftig kritisiert worden war. Ein spezielles Brucker Problem konnte der Landrat jedoch nicht ausmachen. Mit einer etwas differenzierteren Darstellung fand Herbert Kränzlein (SPD) die Zustimmung des Landrates. Auch Kränzlein wies die Schlussfolgerung zurück, die in der SZ dargestellten Fälle - einmal mussten Angehörige zweieinhalb Stunden betteln bis ein Arzt zu ihrem im Sterben liegenden Vater beziehungsweise Ehemann kamen, ein anderes mal starb eine Frau in der Notaufnahme, während die Angehörigen im Wartebereich auf Auskunft über den Zustand der Patientin warteten - seien beispielhaft für viele andere. "Man kann nicht sagen, bei uns ist alles perfekt", stellte der SPD-Landtagsabgeordnete fest, aber die Situation in fast allen deutschen Standardkliniken sei die gleiche. Mit der Folge, dass unter den Patienten in Bruck Unruhe entstehe. Und manchmal blieben die zu Behandelnden auch im Zuständigkeitsdurcheinander der Klinik auf der Strecke.

Auch Klinikvorstand Stefan Bauer schloss strukturelle Probleme kategorisch aus. Diese Feststellung begründete er damit, dass in der Klinik nur so viele Betten belegt würden, wie es unter Berücksichtigung der Belastung des Pflegepersonals verantwortbar erscheine. Das heißt, die Zahl der aufgenommenen Patienten hängt von der Zahl der aktuell verfügbaren Pflegekräfte ab. Diese Begrenzung diene der Patientensicherheit. So wurden im Dezember 2011, als nur 198 Vollzeitpflegekräfte zur Verfügung standen, in dem 380-Bettenhaus nur 326 Patienten aufgenommen. In diesem Jahr sieht der Wirtschaftsplan bei neunzehn Pflegekräften mehr eine Durchschnittsbelegung mit 365 Patienten vor. Die seit zwei Jahren leicht rückläufige Patientenzahl führte Bauer auf die Verkürzung der Verweildauer um 20 Prozent zurück. Als entscheide Zahl für die Erlöse und damit die Wirtschaftlichekeit der Klinik bezeichnete der Vorstand nicht die absolute Patientenzahl, sondern die Fallschwere. Deshalb sei es wirtschaftlich wichtig, auf der Intensivstation möglichst viele Betten offen zu halten.

In der Debatte nahm die Frage, welche Erwartungen Patienten mit den Visiten verbinden dürfen, breiten Raum ein. "Häufige Visiten sind wünschenswert, nur das geht nicht", stellte Chefarzt Dr. Tilman Kolbe fest. Die Ärzte müssten bei einem straff gezogenen Finanzrahmen eine gute Versorgung hinbekommen. Chefarzt Prof. Dr. Rolf Eissele ergänzte, dass jeder Patient innerhalb von 24 Stunden einmal von einem Facharzt gesehen werde. Chefarzt Dr. Andreas Ewert räumte ein, dass schon mal einzelne Patienten bei Visiten vergessen wurden, er wies aber den Vorwurf zurück, dass das ein strukturelles Problem sei. Dem widersprach Kreisrätin Annette Louis (Grüne) heftig. "Das Problem sind immer wieder die Visiten", sagte sei. Die Grüne forderte Korrekturen bei der Organisation der Visiten, vor allem gehe es darum, eine einheitliche Regelung zu finden. Die Mediziner sollten möglichst vormittags bei den Patienten vorbeischauen. Die Grüne bezeichnete es als "heiklen Punkt", dass jede Fachabteilung ihre eigenen Regelungen habe. Eissele bezeichnete diesen von Louis wiederholt im Verwaltungsrat der Kreisklinik vorgetragenen Vorschlag zwar als wünschenswert, aber nicht als durchführbar. Jede Abteilung habe schließlich ihre eigenen internen Abläufe und dann falle etwas Anderes hinten runter. Laut dem Chefarzt Kolbe kippe beispielsweise die Notfallversorgung in der Kardiologie jeden Plan. Vorstand Bauer verband mit dem Thema Visite zwei Problemkreise: vergessene Patienten und die betriebsinterne Aufgabe, den jeweils richtigen Zeitpunkt zu finden, an dem genug Pflegekräfte zur Verfügung stehen. Mit dem Hinweis auf viele zufriedene Patienten warb Sepp Kellerer um Vertrauen für die Klinik. In Fragen wie die der Visiten sollten sich Politiker nicht einmischen.