Steht dem Landkreis Fürstenfeldbruck nach 30 Jahren der Sinn nach einem Wechsel? Oder setzt er auf Kontinuität? Seit exakt drei Jahrzehnten heißt der Landrat in einem der dichtestbesiedelten Landkreise Bayerns Thomas Karmasin, vor der Kommunalwahl am 8. März musste der CSU-Politiker aber zunächst bei einer Podiumsdiskussion gegen seine Herausforderer antreten: eine Frau und fünf Männer. Fast 300 politisch Interessierte wollten das sehen, und so ist der Sieger an diesem Abend auf jeden Fall schon mal die Demokratie. Geradezu überwältigt war man beim ausrichtenden „Bündnis für Demokratie“ von der großen Nachfrage. Im vollen Säulensaal des Veranstaltungsforums Fürstenfeld musste so mancher mit einem Stehplatz vorliebnehmen, über einen Bildschirm wurde die Diskussion ins Foyer übertragen.
Der Abend, vom Journalisten Peter Wagner souverän moderiert, bot ein vollständiges Bild aller Bewerberinnen und Bewerber. Eingeladen war auch AfD-Kandidat Peter Banholzer, der bewies, wie demaskierend eine direkte Konfrontation mit Argumenten wirken kann. Er wirkte weder inhaltlich noch rhetorisch auf Augenhöhe. Der Abend war schon weit fortgeschritten, als ihm eine Frau im Publikum laut vorwarf: „Sie antworten nie auf die Frage!“ Der 65-Jährige hatte als einziger Kandidat mehrere große Blätter mit Notizen vor sich und setzte bei seinen Antworten auf das, was man von der Rechtsaußen-Partei kennt. Gefragt, was er als Erstes einführen würde, wenn er gewählt würde, nannte er eine Arbeitspflicht für Asylbewerber.
Die Veranstalter hatten zu Beginn des Abends deutlich gemacht, dass sie eine faire und ausgewogene Diskussion wünschten, und ausschließlich mit Fragen – schriftlich oder mündlich – aus dem Publikum. Moderator Wagner strukturierte den Gesprächsverlauf, ohne die Kandidaten ständig zu unterbrechen. Für etwaige „Dysbalancen“ bei der Länge der Wortbeiträge entschuldigte er sich am Ende, was nicht nötig gewesen wäre. Denn es blieb der Eindruck, dass jeder auf dem Podium ausreichend zu Wort kam.
Die sieben Bewerber für das Amt des Landrats legten eine beachtliche Disziplin an den Tag, fielen einander nicht ins Wort und bisweilen trug es sich zu, dass der Bewerber der einen Partei, etwa in Person von Ulrich Bode (FDP), geradezu zum Wahlhelfer des anderen, Thomas Karmasin (CSU), wurde: etwa als er es als Verdienst des amtierenden Landrats wertete, dass das Klinikum Fürstenfeldbruck „über Jahrzehnte von sehr schlecht in einen sehr guten Zustand überführt“ worden sei. Das überzeugte auch die CSU-Parteigänger in der ersten Reihe. Nun aber macht die Klinik Minus – im dritten Jahr in Folge. Man solle die vier Millionen Defizit nicht zu hoch hängen, empfahl Stefan Weinberger, denn: „Gesundheit ist nicht verhandelbar.“
Weinberger, weitgehend unbekannter, 40 Jahre alter Kandidat der Freien Wähler, brachte sich mit freundlicher Zugewandtheit („Danke für Ihre Frage“), reger Anteilnahme und Witz in die Diskussion ein. Seine Frau, sagt er, würde sich freuen, wenn er einen Job im Landkreis fände, weil er jetzt für so viele andere Länder zuständig sei. „Ich hoffe“, sagt er, an Thomas Karmasin gewandt, „das wäre kein Problem für Sie“. Lacher im Publikum.
Grünen-Kandidatin Ronja von Wurmb-Seibel ist die einzige Bewerberin
Die meisten Claqueure hatte Grünen-Kandidatin Ronja von Wurmb-Seibel hinter sich, die einzige Frau und mit 39 Jahren Jüngste in der Kandidatenriege. Die Antworten der Schnellrednerin wurden am heftigsten beklatscht. Sie sprach von Spielräumen, die man in der Kreisverwaltung nutzen könne, wünschte sich mehr Transparenz, etwa durch Online-Übertragungen von Kreistagssitzungen oder durch kurze Erklärvideos zu den wichtigsten Themen im Kreishaushalt. In Sachen Migration möchte sie vermitteln, dass man Zuwanderer nicht nur als Arbeitskräfte, sondern „auch als Menschen“ hier wolle. SPD-Kandidat Andreas Magg, 47, und derzeit noch Bürgermeister von Olching, erinnerte daran, dass es in der Kreisklinik schlecht aussähe, würde man ohne Personal mit Migrationshintergrund auskommen müssen.
Moderator Wagner jagte die sieben Podiumsteilnehmer in zweieinhalb Stunden durch die Fragen aus verschiedenen Themenfeldern wie Finanzen, Soziales, Migration, Energiewende, Gesundheit. Die Zuversicht, die Energiewende auch zu schaffen, nährte bei Magg auch die Tatsache, dass „uns die Menschen bei der Fernwärme die Türen einrennen“. Amtsinhaber Karmasin, 63, sprach sich für „deutlich mehr Windräder“ aus, er müsse sie als Landrat aber auch genehmigen und dürfe deshalb nicht befangen sein. Doch man müsse gleichzeitig auch übers Energiesparen reden, betonte Karmasin: Wenn der Kühlschrank mit der schlechten Energiebilanz zwar ausgetauscht, aber im Keller weiterhin für das Kühlen von Getränken eingesetzt werde, „dann ist nichts gewonnen“.
Es fehlt vor allem an bezahlbarem Wohnraum
Den Bauturbo möchten alle gerne anwerfen, Andreas Magg warnte aber vor einem „Wildwuchs“. Stattdessen brauche es vor allem „bezahlbaren Wohnraum“. Es ging noch um die hohen Schulden des Landkreises und die Finanzprobleme der Kommunen. Ulrich Bode, 63, forderte: „Einnahmen rauf, Kosten runter“ und eine Wirtschaftsagentur zur Ansiedlung von Unternehmen. Regionale Firmen wünschte sich dabei Christian Holdt, 58, von der ÖDP.
Blieben schließlich noch die Frauen. Es gebe zu wenige in der Kommunalpolitik, stellte Ronja von Wurmb-Seibel fest. Bei nur einer Bürgermeisterin (Landsberied) im Landkreis würden somit – statistisch gesehen – etwa 215 000 Menschen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene nur von Männern regiert: „Da müssen wir was ändern.“



