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Kommunalwahl im Landkreis Fürstenfeldbruck:Frau macht Politik

Die kommunalen Entscheidungsgremien sind mehrheitlich von Männern besetzt. Die Parteien betonen immer wieder, das ändern zu wollen, finden aber kein Mittel, um genügend Bewerberinnen zu rekrutieren - eine Bestandsaufnahme

Es ist 30 Jahre her, als Stadt und Landkreis Fürstenfeldbruck politisch besonders aufgefallen sind. Beide wurden von Frauen geführt, was damals nicht unbedingt üblich war und auch heute noch nicht ist. Bürgermeister und Landräte sind in der überwiegenden Zahl männlich. In allen politischen Entscheidungsgremien, und dort auf allen Ebenen, sind Männer deutlich in der Mehrheit, vor allem auch in den Kommunen.

Der Frauenanteil liegt in den Gemeinden- und Stadträten Deutschlands bei durchschnittlich 27 Prozent, der Landkreis Fürstenfeldbruck bewegt sich mit 28 Prozent in diesem Bereich. In den Bundestag gewählt wurden 2017 mit knapp 31 Prozent so wenige Frauen wie seit 20 Jahren nicht mehr. Der bayerische Landtag hat knapp 27 Prozent weibliche Abgeordnete.

Im Landkreis Fürstenfeldbruck stellt sich die Lage differenziert dar. Während in den großen Kommunen im Osten viele Frauen den Stadträten angehören, ziehen die kleinen Gemeinden im ländlichen Westen die Statistik nach unten. In Althegnenberg, Mittelstetten und Landsberied sitzt nur jeweils eine Frau neben elf Kollegen im Gemeinderat - das sind gerade mal acht Prozent. Die Gemeinde Landsberied aber stellt in Andrea Schweitzer eine von zwei Bürgermeisterinnen (neben Sandra Meissner aus Kottgeisering, beide Freie Wähler). Schweitzer stellt sich erneut zur Wahl, Meissner bewirbt sich bekanntlich um das Amt der Landrätin.

Insgesamt kandidieren in allen 21 Kommunen, in denen am 15. März Bürgermeister gewählt werden (in Fürstenfeldbruck und Eichenau nicht), nur sechs Kandidatinnen für diesen Posten, jedoch 48 Männer. Neben Schweitzer kommt auch Gudrun Horn aus Puchheim von den Freien Wählern. In Puchheim tritt auch die einzige Bürgermeisterkandidatin der CSU, Karin Kamleiter, an. Eine weitere Kommune, in der gleich mehrere Parteien Frauen für das Bürgermeisteramt vorschlagen, gibt es nicht. In Germering, Maisach und Emmering treten Agnes Dürr, Christine Wunderl und Ulrike Saatze an - alle drei kommen von den Grünen. Die haben das Prinzip, Frauen gleichberechtigte Plätze in der Politik zuzugestehen, von Anfang an verinnerlicht. Sie nominieren konsequent im Reißverschlussverfahren: Frau, Mann, Frau, Mann. Das hat zur Konsequenz, dass sich ihr Landratskandidat Jan Halbauer auf der Kreistagsliste mit Rang zwei hinter der als Kreispolitikerin bislang unbekannten Barbara Helmers aus Maisach zufrieden geben muss. Bei der SPD, die ihre Liste für den Kreistag ebenfalls im Wechsel der Geschlechter zusammenstellt, steht ein Mann - Landratskandidat Christoph Maier - ganz vorne.

Weibliche Mitsprache ist vor allem in den Städten Puchheim und Germering sehr ausgeprägt. Exakt die Hälfte des Stadtrats ist in Puchheim weiblich, in Germerings sitzen sogar 24 Stadträtinnen mit 16 Stadträten zusammen, das ist mehr als Parität, das sind 60 Prozent. Als Besonderheit nehmen sie das dort immer erst wahr, wenn sie darauf angesprochen würden, sagt Oberbürgermeister Andreas Haas (CSU). Ansonsten sei das "ein ganz normaler Umstand". In Germering und Puchheim sind die SPD-Fraktionen mit je sechs Frauen unter acht Stadträten sogar zu 75 Prozent weiblich. Und auch die Germeringer CSU-Fraktion hat mehr Stadträtinnen (elf)

als Stadträte (zehn). Auf Landkreisebene tut sich die CSU ungleich schwerer. Vor allem bei den Frauen zwischen 30 und 50 hätte man "nicht die ideale Akzeptanz", formulierte Landrat Thomas Karmasin kürzlich im SZ-Interview über seine Partei, die CSU: "Wir vermitteln nicht das Gefühl, dass wir für diese Personengruppe was Tolles machen." Die CSU habe "noch keinen Zustand erreicht, der die natürliche Situation 50 zu 50 abbildet". Auf der CSU-Bewerberliste für den Kreistag finden sich unter den ersten 30 Kandidaten zwölf Frauen - so viele wie noch nie, doch nur die ersten zehn Plätze wurden im Reißverschlussverfahren vergeben. Insgesamt sind 26 der 70 CSU-Kandidaten weiblich, das sind immerhin fünf mehr als jene 21, mit der die CSU vor sechs Jahren angetreten ist. Acht von ihnen schafften es in den Kreistag, die CSU hat insgesamt 31 Sitze. Die beste Frauenquote im Kreistag besitzt nicht die Fraktion der Grünen, sondern mit sieben Kreisrätinnen bei 13 Sitzen die SPD - 54 Prozent.

Beate Walter-Rosenheimer, seit 2012 Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Germering, hatte vor einem halben Jahr eigens zu einem Nachmittag geladen, um Frauen Mut zu machen, sich für die Kommunalpolitik zu engagieren. Die Grünen fordern schon lange ein Paritätsgesetz für die Parlamente. Anderswo versucht man es mit Freiwilligkeit.

Die Freien Wähler zum Beispiel, vor sechs Jahren aus den eigenen Reihen noch gescholten ob ihrer Männerlastigkeit, sind inzwischen einen Schritt weiter, präsentieren in Sandra Meissner eine von zwei Landratskandidatinnen (neben Ernestine Martin-Köppl von den Linken). Man müsse hier frühzeitig die Weichen stellen, betont Kreisvorsitzender Hans Friedl und verweist auf den "einigermaßen paritätischen" Kreisvorstand mit je zwei weiblichen und männlichen Stellvertretern. Man habe "ein offenes Herz für Frauen", gesteht Gottfried Obermair, einer der FW-Stellvertreter im Kreis, der in Maisach Bürgermeister werden möchte: "Wir sperren uns da nicht". Aber es sei schwierig, Frauen zu begeistern, auch weil die Familienarbeit zumeist "an ihnen heften bleibt". Landrat Karmasin sieht es ähnlich. Frauen würden sich häufig eher im sozialen oder schulischen Bereich engagieren, "da fällt die Partei oft hinten runter".

In der Tat hält eine Mehrfachbelastung Frauen von weiteren Engagements ab. Vielen reichen Beruf und Familie, zumal wenn sie kleine Kinder haben. "Da Frauen immer noch überproportional viel Familienverantwortung übernehmen, ist es für sie schwieriger, in die Kommunalpolitik einzusteigen und so viel Zeit zu investieren, dass auch ein Aufstieg in eine Führungsposition möglich ist", heißt es einem Wegweiser zu Parität in der Politik mit dem Titel "Macht zu gleichen Teilen", den im Vorjahr die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) herausgegeben hat. Oft steigen Frauen erst in die Kommunalpolitik ein, wenn sie älter sind. 65 Prozent der deutschen Gemeinde- und Stadträtinnen sind zwischen 40 und 60 Jahre alt, ein Viertel ist älter als 60, hat die 2011 erstellte EAF-Studie "Engagiert vor Ort - Wege und Erfahrungen von Kommunalpolitikerinnen" herausgefunden. Demnach wird das Potenzial der Frauen von den Parteien zu spät erkannt und zu wenig genutzt. Für Landrats- und Bürgermeisterämter werden sie gerne auch als "Verlegenheitskandidatinnen" nominiert, in Situationen, in denen ein Wahlsieg der Partei unwahrscheinlich erscheint, schreiben die Autorinnen Helga Lukoschat und Jana Belschner.

Das Prozedere auf kommunaler Ebene sei oft intransparent. Und so kommen Listen wie diese zustande: Die Unabhängigen Bürgervereinigungen, die derzeit ebenso wie Freie Wähler, FDP und ÖDP keine Frauen unter ihren Kreisräten haben, präsentieren auch für die anstehenden Wahlen in Cordula Braun nur eine einzige Frau unter den ersten Zehn auf ihrer Kandidatenliste für den Kreistag. Anders die Grünen, die in Schöngeising erstmals für den Gemeinderat kandidieren: mit neun Frauen unter zwölf Kandidaten. Oder die SPD in Althegnenberg. Sie hat derzeit drei Gemeinderatssitze inne - darunter jenen der einzigen Frau - und nun eine Kandidatenliste aufgestellt mit mehr Frauen (zehn) als Männern (sechs).

Die Wähler müssten dann aber auch Frauen wählen, sagt der FW-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Hans Friedl. Das tun die Wähler nicht immer. Dadurch dass er einer Person gleich drei Stimmen geben oder einzelne Personen auf unterschiedlichen Listen wählen kann, hat er die Möglichkeit, die vorgefertigten Kandidatenlisten ordentlich durcheinanderzuwürfeln. Nur etwa die Hälfte der Wählerschaft würde diese Möglichkeit aber auch nutzen, der Rest mit allen Stimmen die vorgeschlagene Liste einer Partei wählen, sagen Lukoschat und Belschner.

Es brauche Vorbilder, findet Sandra Meissner, die noch drei Monate Bürgermeisterin von Kottgeisering ist. "Ich bin stolz darauf, dass es funktioniert", sagt sie und meint damit, das Amt der Bürgermeisterin und die Familie zu verbinden. Immerhin hat Meissner vier Töchter, zwei davon sind noch im Grundschulalter. "Es ist die Frage, ob man es will. Für mich ist das gelebter Alltag." Obendrein bestätigt sie das, was Wissenschaftler bereits herausgefunden haben, nämlich, "dass es sich in gemischten Teams am besten arbeiten lässt", so Meissner. Das spüre sie in ihrem Gemeinderat, in dem ein "sehr offenes politisches Klima herrscht" und in dem auf der Sachebene diskutiert werde. Es mache "total viel Freude, gemeinsam etwas zu gestalten". Und dann schickt Sandra Meissner allen Frauen noch einen Zuruf hinterher: "Traut euch!"

© SZ vom 25.01.2020
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