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Kommentar:Zu viel Geld für einen Tag

Ferienbetreuung muss nicht nur für Gutverdiener bezahlbar sein

Von Ingrid Hügenell

Gut gemeint ist nicht gut gemacht - dass diese alte Binsenweisheit viel Wahrheit beinhaltet, hat die Gemeinde Emmering gezeigt. Mit heißer Nadel wurde da eine Ferienbetreuung zusammengestrickt, die nun gar nicht stattfindet, weil sie viel zu teuer ist. Dabei ist der Gedanke natürlich richtig, dass Familien gerade in diesem Jahr der Corona-Pandemie in den Schulferien ein Betreuungsangebot besonders nötig brauchen.

Deshalb ist die Idee gut, so etwas auf die Beine zu stellen. Es hätte Bürgermeister Floerecke und seinen Mitarbeitern aber schon auffallen können, dass 40 Euro pro Tag sehr viel Geld ist für Menschen, die etwa in der Pflege arbeiten - zu viel Geld. Der Mindestlohn beträgt laut der Gewerkschaft Verdi in Bayern 2183 Euro brutto für Vollzeitkräfte. Wer Teilzeit arbeitet, etwa, weil er oder sie alleinerziehend ist, bekommt noch weniger.

Geringverdiener, berufstätige Alleinerziehende und ihre Kinder haben es ohnehin schwer. Ein solches Angebot wird auf viele von ihnen wie blanker Hohn wirken, besonders, wenn Hartz-IV-Empfänger und Asylbewerber die Betreuung bezahlt bekommen, sie selbst aber um einen Zuschuss bitten müssen, wenn sie denn überhaupt erfahren, dass es diese Möglichkeit gibt. Denn das wollte Bürgermeister Stefan Floerecke nicht an die große Glocke hängen, um keinen Bedarf zu wecken, wie er der SZ sagte. Der Bedarf ist aber längst da, und ein Politiker der Partei, die sich das Christliche und Soziale auf die Fahnen schreibt, könnte das wissen. Menschen, die mit ihrer Arbeit zu wenig verdienen, fühlen sich verständlicherweise leicht abgehängt und wenden sich womöglich verbittert von dem als ungerecht empfundenen System ab. Wer das verhindern will, muss Geld in die Hand nehmen und Angebote machen, die nicht nur für Gutverdiener bezahlbar sind, sondern auch für die, die sie besonders nötig haben. Zu einem guten Angebot gehören übrigens auch vernünftige Betreuungszeiten. Kaum jemand, der in der Pflege oder im Verkauf arbeitet, kann sein Kind erst um 8.30 Uhr bringen oder es um 16 Uhr schon wieder abholen.

© SZ vom 31.07.2020
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