bedeckt München 26°

Kommentar:Willkür im Flüchtlingsheim

Landratsamt hält trotz anhaltend niedriger Inzidenz an strengen Besuchsbeschränkungen fest

Von Peter Bierl

Pandemien fordern besonders viele Opfer, wo Menschen eng aufeinander leben. Das war bei der Spanischen Grippe so und ist bei Corona nicht anders. Damals waren es die Schützengräben und Lazarette, heute sind es die Viertel, in denen die Ärmeren leben. Dass hierzulande Menschen jahrelang in Flüchtlingsunterkünfte gepfercht werden, war schon vor Corona skandalös. Wenn in diesen Einrichtungen anders als in Alten- und Pflegeheimen nicht das massenweise Sterben ausgebrochen ist, liegt es an der Altersstruktur. Es sind wenige Senioren darunter, für die das Sars-CoV-2-Virus besonders gefährlich ist.

Denn in den Einrichtungen konnte sich das Virus gut ausbreiten aufgrund der beengten Verhältnisse, der gemeinsamen Benutzung von Küchen, Bädern und Toiletten. Da ist Abstandhalten schwierig bis unmöglich, Masken oder gar Schnelltests gab es lange Zeit nicht. Den Behörden fiel wenig mehr ein, als die Menschen wegzusperren. Dass das Landratsamt Fürstenfeldbruck jetzt, bei niedrigen Inzidenzen, ein Besuchsverbot bis Ende Juni verhängt, ist eine Frechheit, die Begründung lächerlich. Es wird auf ein unspezifisches Infektionsgeschehen im gesamten Landkreis verwiesen - was heißt: Man kann sich überall anstecken.

Konsequenterweise müssten dann Schulen und Kindertagesstätten, Kinos, Theater und Museen ebenfalls geschlossen und insbesondere die Alten- und Pflegeheime hermetisch abgeschirmt werden. Weil das nicht stattfindet, ist die Maßnahme eine Diskriminierung und man fragt sich, ob Landrat Thomas Karmasin wieder den Hardliner geben will, wenn es um Menschen geht, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind.

Dass die Asylhelfer seit Ausbruch der Corona-Pandemie fast keinen Zugang mehr zu den Unterkünften hatten, war ein gravierender Nachteil für die Flüchtlinge, die den Kontakt und die Unterstützung brauchen, gerade in diesen besonders schwierigen Zeiten. Das Engagement der Ehrenamtlichen hat zum Glück nicht darunter gelitten. Sie kämpfen weiter, auch gegen einen bürokratischen Apparat, der die Integration behindert. Das zeigt die Klage der Asylhelferkreise gegen dieses Besuchsverbot, der das Verwaltungsgericht hoffentlich stattgeben wird, weil es sich um Willkür handelt.

© SZ vom 10.06.2021
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB