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Kommentar:Skandalöse Ignoranz

Klassenübergreifender Religionsunterricht ist in Corona-Zeiten absurd, denn er birgt die Gefahr, dass bei einer Infektion viele Schüler in Quarantäne müssen

Von Peter Bierl

Dass in öffentlichen Schulen ein konfessionell getrennter Religions- und Ethikunterricht angeboten wird, ist ohnehin ein Anachronismus dieser Republik. Aber wenn das bayerische Kultusministerium in Zeiten der Corona-Epidemie darauf beharrt, dass an der Grundschule am Gerner Platz ein solcher klassenübergreifend erteilt wird, ist das skandalös. Denn damit wird das Hygienekonzept der Schule unterlaufen, dass darauf setzt, die Kinder aus den verschiedenen Klassen zu trennen, um im Falle einer Infektion oder eines Verdachts nicht die ganze Schule schließen zu müssen, mit allen negativen Folgen für Kinder und Eltern.

Das Hygienekonzept wird nur funktionieren, wenn die Kinder mitmachen, wenn sie begreifen, warum es wichtig ist, sich von denen aus der Nachbarklasse fernzuhalten, möglichst noch auf dem Schulweg und dass man in den Pausen nicht miteinander spielen soll, um sich und andere zu schützen. Was werden Kinder denken, wenn sie erleben, dass das in einem Fach nicht gilt, in dem es um den lieben Gott und die Moral geht?

Die Vorgabe des Ministeriums zeugt von pädagogischer Ignoranz und ist ein Schlag ins Gesicht für die engagierten Lehrer in Puchheim, die eine Fleißarbeit abgeliefert haben, in dem sie das Konzept für einen solchen übergreifenden Werteunterricht entwickelt haben. Es entlarvt obendrein alles Gerede von Politikern darüber, wie wichtig und dringend geboten doch regulärer Unterricht für Kinder auch in Corona-Zeiten sei, aber auch über Respekt und Verständnis untereinander als die gängigen hohlen Phrasen.

Sehenden Auges wird in Kauf genommen, dass ganze Jahrgangsstufen in Quarantäne müssen, dass sich das Virus ausbreitet, dass Menschen gefährdet werden, besonders die Großeltern dieser Kinder - bloß um das Nebenfach Religion durchzuziehen, wie das Konkordat von 1924 zwischen Bayern und dem Vatikan es befiehlt. Alle Landtagsabgeordneten aus Fürstenfeldbruck sind aufgefordert, auf Kultusminister Michael Piazolo (FW) einzuwirken, um das Puchheimer Konzept zu gestatten, und die Kirchen sollen sagen, was sie wirklich wollen. Für die Zeit nach Corona gilt: Ein gemeinsamer Unterricht für alle Kinder über Philosophien, Religionen und Weltanschauungen ist längst überfällig.

© SZ vom 29.09.2020
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