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Kommentar:Niederschwellig geht anders

Die Brucker hat für ihre Online-Veranstaltungen ein komplexes Anmelde- und Einwahlsystem geschaffen. Das schreckt Interessierte ab und erschwert den Zugang

Von Peter Bierl

Seit Beginn der Pandemie sind viele Veranstaltungen ins Internet verlegt worden, sogar der Schulunterricht. Dabei wurden Defizite offensichtlich, bei der Ausstattung und im Umgang mit der Technik. Klar ist, dass nichts den direkten Kontakt und Austausch zwischen Menschen ersetzen kann, aber auch nach der Pandemie wird es sinnvoll bleiben - weil effektiver und umweltfreundlicher - manches Treffen virtuell stattfinden zu lassen, statt dass Menschen Wege mit dem Auto zurücklegen.

Dazu gehört vor allem bei einmaligen Veranstaltungen im Bereich der Bildung und Kultur ein niederschwelliger Zugang. Die Internationalen Wochen gegen Rassismus in Fürstenfeldbruck fanden in diesem Jahr ziemlich abgespeckt online statt. Wer dabei sein wollte, musste sich anmelden und bekam einen Zugangslink geschickt. Einmal drauf klicken und schon konnte man dabei sein, vorausgesetzt das häusliche Equipment und die Leitungen passten.

Aber warum einfach, wenn es komplizierter geht. Wer eine Veranstaltung der Brucker Volkshochschule besuchen will, muss sich nicht bloß anmelden, sondern einige Tage vorher in einer zentralen bundesweiten Vhs-Cloud registrieren. Ist das geschafft, kann man sich mit dem Zugangscode, der per Email verschickt wird, anmelden und darauf warten, dass der Dozent den Zutritt gewährt. Die Gebrauchsanleitung dafür umfasst zwei Seiten. Wer mitmachen will, sollte eine Vorbereitungszeit von etwa einer Stunde einkalkulieren, verteilt auf die Lektüre, die Registrierung einige Tage vorher und am Abend vor Beginn. Für einen Kurs, der ein Semester dauert, mag das noch einigermaßen angehen, aber nicht für einmalige Abendveranstaltungen. Eine kurzfristige, geschweige denn spontane Teilnahme ist praktisch ausgeschlossen.

Zwei informative Vorträge zur Holocaustleugnung und über Reichsbürger hatte die VHS in ihrem Frühjahrsprogramm. Beide Themen sind wichtig in einer Zeit, in der Antisemitismus und Verschwörungsideologie sich wie Viren ausbreiten und deren Anhänger handgreiflich werden. Mit beiden Vorträgen erfüllt die VHS ihren Bildungsauftrag, aber die Zahl der Zuhörer ließ zu wünschen übrig. Etliche Interessenten scheiterten an dem komplizierten und aufwendigen Modus, den die Volkshochschule bevorzugt.

Das ist nicht nur eine Hürde für Interessierte, sondern bedeutet zusätzlichen Arbeitsaufwand für ohnehin miserabel bezahlte Referenten, die versuchen, den Teilnehmern bei den Tücken der Technik zu helfen. Ein niederschwelliges Angebot sieht anders aus. Der Stadt Fürstenfeldbruck als Träger der Einrichtung ist Nachhilfe zu empfehlen.

© SZ vom 06.05.2021
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