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Kommentar:Jonglieren mit Zahlen

Bei Thema S4 Ausbau rechnen Gutachten den Nutzen so durch, wie es der Auftraggeber gerade braucht

Das böse Wort Gefälligkeitsgutachten ist deplatziert. Denn Gutachter erweisen keine Gefälligkeiten, sondern werden dafür bezahlt, dass sie einen Auftrag erledigen. Die Staatsregierung verschleppt seit Jahrzehnten den Ausbau der S 4 zugunsten des zweiten S-Bahntunnels in München. Dafür braucht es maßgeschneiderte Nutzen-Kosten-Untersuchungen. Der damalige Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) legte 2011 eine Studie vor, derzufolge sich ein Ausbau der S 4 nur knapp rentiert hätte - ein schöner Grund, um das Projekt gründlich zu überarbeiten und zu verzögern, auf dass es billiger werde. Die Studie hatte einen Zuwachs von 10 000 Fahrgästen pro Tag prognostiziert, aber Einnahmen für Tickets nicht eingerechnet.

Der aktuellen Nutzen-Kosten-Analyse zum zweiten Tunnel hat der Bahnexperte Rolf Wiedenmann entnommen, dass sich das Angebot auf der S 4 im Jahr 2025 verschlechtern könnte. Die Antwort des Innenministeriums lautet, die Studie besage nichts über den tatsächlichen Fahrplan. Das ist vermutlich die Wahrheit, bedeutet aber, dass die sogenannte standardisierte Bewertung ad absurdum geführt und das Tunnelprojekt mit Fake-Zahlen begründet wird. Ziemlich unglaubwürdig ist auch die Annahme, in der Spitzenstunde im morgendlichen Berufsverkehr würden in acht Jahren weniger Menschen mit der S 4 fahren als heute. Das Motiv ist klar: Wäre der Fahrplan besser, würden mehr Züge eingesetzt. Dann steigen die Ausgaben und die Bilanz von Nutzen und Kosten verschlechterte sich.

Man kann das Gutachten aber auch anders würdigen. Kritiker sagen, die Staatsregierung habe den Ausbau der S 4 intern längst begraben, führe aber die Öffentlichkeit an der Nase herum. Die Schrumpfung auf bloß noch ein drittes Gleis bis Eichenau, was völlig unzureichend ist, sei Teil einer Salamitaktik. Mehr als einen 15-Minuten-Stolpertakt würden die Brucker nicht bekommen. Die Angaben aus der Tunnel-Studie fügen sich ganz gefällig in dieses Szenario.

© SZ vom 11.03.2017
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