Süddeutsche Zeitung

Kommentar:Freiwilliges Fasten

Verbote sind kein taugliches Mittel, um das Autofahren zu reduzieren. Ein autofreier Sonntag aber kann bewusstseinsbildend wirken

Von Heike A. Batzer

Internationale Automobilausstellung: Machte früher mit blitzenden Karossen von sich reden, heute dominiert der Protest dagegen. Dennoch sind in Deutschland fast 67 Millionen Fahrzeuge zugelassen, davon 48 Millionen Autos - bei 83 Millionen Einwohnern. Von 17 Jahren an darf man am Steuer sitzen, die meisten Erwachsenen haben ein eigenes Auto. Im Landkreis Fürstenfeldbruck sind 120 000 Autos zugelassen, insgesamt sind es 170 000 Fahrzeuge. Der Bestand sinkt nicht, im Gegenteil.

Autofahren ist Teil einer weltweiten Mobilität und bisweilen Notwendigkeit in einer auf Geschwindigkeit und Individualität getrimmten Welt. Ohne Auto kommt man vielerorts gerade auf den Lande nur schwer voran. Ohne Auto sind manche Einkäufe gar nicht oder nur unter schwierigen Bedingungen und deutlichem Zeitverlust zu erledigen. Ohne Auto können bestimmte Berufsgruppen ihren Job nicht ausüben. Es gibt viele gute Gründe, das Auto zu nutzen, und die Corona-Zeit hat gezeigt, dass es auch hierbei Dienste leistet, die gesellschaftlich schon gar nicht mehr angesagt waren: etwa allein im Auto zu sitzen. In der Pandemie war das von Vorteil.

Dass das Auto der Umwelt schadet, ist bekannt. Dafür braucht es Lösungen. Wissenschaft und Industrie sind hier gefragt. Auch der Einzelne könnte versuchen, sein Auto öfter stehen zu lassen. "Autofasten" empfiehlt Max Keil vom Energiewendeverein Ziel 21. Ein kleiner Schritt zwar, aber immerhin. Ein schöner Begriff im übrigen, der sofort klar macht, dass - wie beim Gewicht - Weniger mehr ist. Ein autofreier Sonntag, wie ihn Ziel 21 für vergangenen Sonntag im Landkreis ausgerufen hat, wird zwar kaum einen nennenswerten Beitrag zur allgemeinen CO₂-Minimierung beitragen. Aber auch er ist ein keiner Schritt. Er kann bewusstseinsbildend wirken, zum Mitmachen anregen, zum Vorsatz werden, mal umzusteigen.

Um größere Nachfrage nach anderen, umweltschonenderen Fortbewegungsformen bei den Menschen zu generieren, muss auch ein attraktives Alternativangebot bereit stehen. E-Bikes können das Radfahren erleichtern, Radwege auch. Bahnen und Busse müssen so vernetzt und getaktet sein, dass Nutzung und Umsteigen einfach, bequem und jederzeit möglich sind. Aber das Auto fährt halt nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Die Organisatoren von Ziel 21 haben Augenmaß und Realitätssinn bewiesen und die Freiwilligkeit des Autofastens betont. Denn mit Verboten lässt sich die Mobilitätsfrage der Zukunft nicht lösen.

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Quelle:
SZ vom 13.09.2021
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