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Kommentar:Behindernder Ausbau                                         

Der Umbau des S-Bahnhof Harthaus in Germering macht vieles umständlicher

Überall baut die Deutsche Bahn AG Bahnhöfe barrierefrei aus. Das ist begrüßenswert. Auch beim S-Bahnhof Harthaus haben sich Stadt, Behinderten- und Seniorenbeirat jahrelang dafür eingesetzt. Doch die Bahn baut nach Schema F. Motto: Wir wissen, wie es geht. Sie zeigt sich beratungsresistent. Konsultationen mit Ansprechpartnern vor Ort, die die örtlichen Verhältnisse kennen, gibt es keine. Gibt es mal Vorstöße wie am S-Bahnhof Germering, als die Stadt anbot, auf eigene Kosten einen Aufzug zu bauen, der Umwege erspart, mauert die Bahn lange Zeit. Es kann auch nicht der Sinn von teuren Geländern sein, dass diese von Busnutzern der Linien 851 und 857 in Harthaus übersprungen werden müssen, damit sie die S-Bahn nach München erreichen.

Die knappe Anbindung der Busse an die S-Bahnfahrzeiten bei An- und Abfahrt ist seit Jahren ein Problem. Es kann doch nicht sein, dass sich S-Bahnfahrer Trampelpfade an den neuen Rampen- und Treppenumwegen vorbei einrichten müssen, um ihren Bus zu erreichen. Genauso ist von niemandem zu verlangen, dass er sich als S-Bahnfahrgast todesmutig in die Tür spreizt, um einer langsamer rennenden Mitfahrerin die Tür aufzuhalten. Nicht geschafft hätte es die Mutter mit Kinderwagen, die noch eine Serpentine mehr zu schieben und deshalb wohlweislich den früheren Bus genommen hat. Nicht geschafft hat es der Gehbehinderte, den die "behindertengerechten" Serpentinen erst recht behindern, bedeuten sie doch einen schmerzhaften und zeitraubenden Umweg. Und das Geländer hilft auch nicht, wenn man, an Krücken gehend, keine Hand frei hat. Kluge MVV-Fahrende sind in Bergstiefeln unterwegs, damit können sie sich den steilen Trampelpfad hinabstürzen, der 150 zeitraubende Schritte erspart, um den an dieser Haltestelle stets gnadenlos pünktlich fahrenden Bus zu erreichen.

Eines steht fest: Über die Busfahrzeiten am S-Bahnhof Harthaus muss dringend geredet und gehandelt werden. Die Chancen für Verbesserungen stehen ganz gut, weil im Landratsamt ein kenntnisreicher ÖPNV-Fachmann als Gesprächspartner zur Verfügung steht. Mit der Bahn AG zu reden oder gar zu verhandeln, frustriert bekanntlich alle kommunalen Vertreter landauf und landab. Da verbieten sich alle gut gemeinten Ratschläge. Fazit: Wenn ein millionenschwerer barrierefreier Ausbau den Rollstuhlfahrenden wenig oder fast nichts nützt und alle anderen Gehbehinderten zusätzlich behindert, bleibt einem nur die Spucke weg.

© SZ vom 29.01.2016
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