Kommentar:Aktionismus und Lippenbekenntnisse

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Effektiver Umwelt- und Klimaschutz setzt komplettes Umsteuern voraus. Das sollte man auch in Puchheim erkennen.

Von Peter Bierl, Puchheim

Vor Beginn der Debatte im Stadtrat über den Neubau des Alois-Harbeck-Platzes wies eine Bürgerin darauf hin, dass Puchheim seit 1996 dem Klimabündnis europäischer Kommunen angehört. Zu dessen Selbstverpflichtung zählt, dass jede Kommune ihren Ausstoß an Kohlendioxid alle fünf Jahre um zehn Prozent reduziert. Demnach müsste Puchheim schon die Hälfte weniger in die Atmosphäre blasen. Es braucht keine Studie, um zu wissen, dass Puchheim das so wenig schafft wie Fürstenfeldbruck, ein weiteres Mitglied dieses Klimabündnisses.

Dass im Rathaus Kaffee mit fair gehandeltem Zucker gereicht wird, wie der Bürgermeister entgegnete, ist allenfalls süß, aber eine Alibiveranstaltung, ebenso wie Geld für den Kauf von Lastenfahrrädern zu geben. Effektiver Umwelt- und Klimaschutz setzt komplettes Umsteuern voraus. Im konkreten Fall kann man sich streiten, ob der Umbau des Alois-Harbeck-Platzes sinnvoll ist. Dagegen spricht ein Mehr an Versiegelung, dass 80 Bäume umgehauen und mehr Autos ins Zentrum fahren werden. Der Verlust an grauer Energie durch den Abriss der meisten Gebäude ist enorm. Andererseits ist die Fläche bereits versiegelt, es entstehen neue Wohnungen und Angebote nahe dem Bahnhof. Wäre es besser auf der grünen Wiese ein neues Baugebiet auszuweisen? Sicher nicht.

Genau das hat der Bürgermeister jedoch angekündigt, neue Flächen für Gewerbe und Wohnungen ausweisen zu wollen. Ohne Wachstum sei die Infrastruktur nicht zu bezahlen. Das stimmt vermutlich, zeigt aber, dass Kommunalpolitiker den Kern der Umweltproblematik nicht begriffen haben, obwohl die berühmte Studie über die Grenzen des Wachstums schon vor einem halben Jahrhundert zum Bestseller wurde, oder in den Zwängen der Standortkonkurrenz gefangen sind. Umweltschutz heißt, den Verbrauch von Rohstoffen, Energie und Flächen unterm Strich zu reduzieren, alles andere ist Beiwerk. Wenn eine Kommune nicht ohne wachsenden Verbrauch von Flächen auskommt, ohne kontinuierlichen Zuzug von Menschen und Betrieben, während andere Landstriche veröden, Häuser und Betriebe dort leer stehen und die Infrastruktur vergammelt, läuft etwas grundlegend falsch, denn das ist das Gegenteil von nachhaltig.

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