An Weihnachten waren die Kirchen wieder voll, in vielen gab es mehrere Gottesdienste an einem Tag. Das freilich kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Institution Kirche in weiten Kreisen der Gesellschaft an Bedeutung eingebüßt hat und vor allem junge Menschen nur schwer erreicht. Weil damit auch Einnahmen aus der Kirchensteuer fehlen, haben evangelisch-lutherische Kirchengemeinden in Bayern damit begonnen, sich vor allem von sanierungsbedürftigen Immobilien aus den Sechziger- und Siebzigerjahren zu trennen.
Dass Entwidmung und Verkauf für die Gläubigen ein sehr schmerzhafter Prozess ist, zeigt das Beispiel Türkenfeld im Landkreis Fürstenfeldbruck. Die Entscheidung, die dortige Kirche aufzugeben, hat der Kirchenvorstand der Gemeinde getroffen.
Ditz Schroer, 74, engagiert sich in der Gemeinde der Friedenskirche und im Türkenfelder Bürgerverein. Es klingt große Wehmut durch und Trauer, dass „seine“ Kirche im vergangenen Oktober entwidmet wurde. Ist der Rückzug aus den Dörfern ein Fehler? Schroer denkt kurz nach, ringt mit den richtigen Worten. „Kopf einschalten“, sagt er dann gefasst. Botschaft: Herz und Bauch stemmen sich gegen den Zeitgeist und die bitteren Fakten, aber rational betrachtet ist nachvollziehbar, dass sich nicht alle Immobilien halten lassen.

Dennoch spricht Schroer von „einer trotzigen Stimmung“. In der Kirchengemeinde hat es Kritik gegeben an der Schließung dieser Kirche – der ersten im Landkreis Fürstenfeldbruck. Und an der Art und Weise, wie dies den Gläubigen vermittelt worden ist.
Bis 2035 will die Evangelisch-Lutherische Kirche Bayern die Hälfte ihrer Immobilien aufgeben. Laut Evangelischem Sonntagsblatt gehören neben den 1680 Gemeindehäusern, 1800 Pfarrhäusern, 770 Mehrzweckbauten und 800 Kindergärten auch 1980 Kirchen und Kapellen zum Bestand. Wie viele dem Sparkurs zum Opfer fallen werden, ist offen.

Neue Nutzung:Wohnen, wo früher Gottesdienste gefeiert wurden
Die evangelische Christuskirche in Glonn wird von einem jungen Paar gekauft, das das Gebäude zu einem Wohnhaus umbauen will.
15 wurden bereits entwidmet. Es fing 2015 mit jener in Geisenfeld an. 2025 waren es mindestens sechs, darunter in der Münchner Region die Christuskirche in Glonn, die Nazarethkirche in München sowie die St.-Martin-Kirche in Putzbrunn. Im kommenden Oktober wird auf Beschluss des Vorstands der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Grafrath die ebenfalls in ihre Zuständigkeit fallende Martin-Luther-Kirche in Mammendorf folgen. In Grafrath wird zudem das alte Pfarrhaus aufgegeben. „Am Ende werden wir von vier Immobilien nur eine langfristig halten können, und das wird die Michaelkirche in Grafrath sein“, so Pfarrerin Patricia Röhm.
Entweihte Kirchen werden verkauft, abgerissen, durch Wohnhäuser ersetzt, zu Kitas oder Konzertsälen. Aus der Carolinenkirche in Allach könnte einmal ein Seniorenzentrum werden. Oder sie werden von einer der wachsenden orthodoxen Kirchengemeinden übernommen. Viele stehen erst mal leer, bis sich ein Käufer findet. Unter Mitgliederschwund leidet auch die katholische Kirche. 2023 wurde die St.-Benedikt-Kirche von Ebenhausen in der Gemeinde Schäftlarn entweiht.
Aus der Kreuzkirche in Köln wurde eine Jugendherberge
Es gibt gelungene Metamorphosen vom Sakral- zum Profanbau: Aus der Martini-Kirche in Bielefeld wurde das Restaurant „Glück-und-Seligkeit“, aus der Kreuzkirche in Köln eine Jugendherberge, aus der Dominikanerkirche in Maastricht eine Buchhandlung. Was aus der Friedenskirche wird, ist bislang nicht entschieden.

In der Kirchengemeinde Grafrath ist man es gewohnt, neue Pfade zu beschreiten und pragmatische Lösungen zu finden. So wird der Gottesdienst in Geltendorf in der Aula der örtlichen Grundschule gefeiert. Und unter dem Motto „Evangelisch vor Ort“ kommt die Kirche auf Rädern im Sommer auf Wiesen oder Dorfplätze der großen Kirchengemeinde – im Bauwagen. Ein Auto-Anhänger mit Utensilien steht neben dem großen Holzkreuz und der Ruhebank auf dem Parkplatz der entwidmeten Friedenskirche, in der Röhm, 35, und ihr Puchheimer Kollege Axel Schmidt, 48, zurückblicken und auch einen Blick in die Zukunft werfen. Schmidt ist interimsweise Geschäftsführer der Grafrather Kirchengemeinde.
1972, im Jahr der Olympischen Spiele in München, wird an der Ecke Egerländer- und Zugspitzstraße zunächst ein Gebetshaus errichtet. Einer der beiden Straßennamen weist bereits auf die Herkunft der evangelischen Flüchtlinge hin, die nach dem Kriegsende aus Siebenbürgen, dem Sudetenland, Schlesien und dem Egerland eine neue Heimat im Landkreis Fürstenfeldbruck gefunden haben. Zunächst hatten die unter beengten Verhältnissen Gottesdienste im alten Schulhaus gefeiert. Bis sich die Gläubigen mit dem Bau eines Gemeindezentrums einen langgehegten Wunsch erfüllen – endlich haben sie ein eigenes Haus für Gottesdienste und Begegnungen. In Eigenarbeit errichtet, selbst finanziert. Einige Jahre später wird ein Jugendraum angebaut. Zum 40-jährigen Bestehen wird das Haus auf den Namen Friedenskirche getauft.
Die Entwidmungsurkunde
Im Oktober 2025, am Kirchweihsonntag, muss sich die Gemeinde dann aber nach einem dreitägigen Fest mit einem letzten Gottesdienst von ihrer Friedenskirche verabschieden. Kann man die Besucher sonst bei den monatlichen Gottesdiensten manchmal an zwei Händen abzählen, so ist die Kirche an diesem Tag voll bis auf den letzten Platz, wie Axel Schmidt erzählt. Dekan Markus Ambrosy hält die Predigt und verliest die Entwidmungsurkunde. Bibel, Taufschale, Altarkreuz und die Osterkerze werden hinausgetragen. Das liturgische Inventar soll andernorts möglichst weiter Sinn stiften. So gibt es Überlegungen, einer Partnerkirche in Papua Neuguinea das Abendmahlsgeschirr zu spenden.

Patricia Röhm und Axel Schmidt verstehen die Trauer der Gläubigen über diesen Verlust sehr gut. Gleichwohl zweifeln sie nicht an der grundsätzlichen Entscheidung der Landeskirche. Ebenso wie Ambrosy, der im Sonntagsblatt auf die Folgen der voranschreitenden „Auflösung der volkskirchlichen Strukturen“ verweist: „Weniger Mitglieder, weniger Finanzen und weniger Personal.“ Die größte Herausforderung sei es, eine tragfähige theologische Antwort zu finden auf den „kontinuierlichen Relevanzverlust von Kirche in unserer Gesellschaft“.

Für das Gespräch haben Röhm und Schmidt den kleinen Saal mit den Holzstühlen noch einmal aufgesperrt. Licht fällt durch die großen Fenster. Hinter dem Altar hängt das Kreuz, daneben steht die Orgel, die von Gemeindemitgliedern ebenfalls selbst gebaut worden ist. Sieht man genauer hin, dann ist nicht zu übersehen, dass der Putz bröckelt. Auf 25 000 Euro werden die Kosten für die fällige Renovierung geschätzt. Deshalb wurde letztlich beschlossen, die Friedenskirche aufzugeben und zu verkaufen.
„Dieser Entschluss ist uns nicht leichtgefallen und wurde gewissenhaft diskutiert“, schreibt Röhm auf der Homepage der Kirchengemeinde Grafrath. Und weiter: „Der Abschied von unserer Friedenskirche bedeutet aber nicht, dass es nun kein geistliches Leben mehr in Türkenfeld geben wird, wenn auch neue Wege gegangen werden.“ Dank der gut funktionierenden Ökumene stellt die katholische Kirche in Türkenfeld dreimal im Monat ihren Pfarrsaal zur Verfügung sowie an Neujahr und den hohen Festtagen wie Weihnachten und Karfreitag. Von der Türkenfelder Initiative ist dort zudem ein monatlicher Gemeindenachmittag geplant.
Schließung von oben hinterlässt bitteren Nachgeschmack
Für Ditz Schroer ist die Entwidmung der Friedenskirche „ein schmerzhafter Prozess, der mit den Phasen von Trauerarbeit vergleichbar ist“, wie er im Ortsjournal des Bürgervereins schreibt. „Es ist nicht nur der Verlust eines Gebäudes, sondern der Abschied von einem Ort, der mit persönlichen Erinnerungen, der Gemeinschaft und der Spiritualität eng verbunden ist. Der Abschied hat Tränen hervorgerufen, aber auch Dankbarkeit für das, was war, für das Gemeinsame und für die Spuren, die bleiben.“ Mit der Kirche am Ort gehe nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch der Kristallisationspunkt einer intakten Dorfgemeinschaft verloren.
Die Schließung „von oben“ hinterlasse einen „bitteren Nachgeschmack“, pflichtet der ehrenamtliche Prediger Paul Böser bei. Noch deutlicher hat sich ein Gründungsmitglied geäußert, über das es im Journal heißt, es empfinde „Wut und Enttäuschung“ angesichts der eigenen, ehrenamtlich geleisteten Aufbauarbeit. Credo: Die Lösung des Kirchenvorstands mag pragmatisch sein. Mancher fühlt sich da aber übergangen, nicht „mitgenommen“. Von den 2700 Mitgliedern der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Grafrath leben etwa 460 in Türkenfeld. Viele sind Kinder und Enkel der ersten Generation, die diese Kirche mit eigenen Händen und Ersparnissen errichtet hat. Ein Abschiedswochenende allein reiche nicht, findet Schroer. Ihn schmerzt zudem, dass er von der bevorstehenden Aufgabe der Kirche aus der Zeitung erfahren habe.
Abschied auch in Mammendorf


Im Februar gibt es in der 1978 geweihten Martin-Luther-Kirche in Mammendorf Gelegenheit, sich sehr frühzeitig ein Bild zu machen von der bevorstehenden Entwidmung der zweiten evangelischen Kirche im Landkreis Fürstenfeldbruck. Der Abschiedsgottesdienst folgt am Sonntag, 18. Oktober. Auch diese Kirche weist erheblichen Sanierungsbedarf auf und soll veräußert werden.
Informationsveranstaltung über die Entwidmung der evangelischen Martin-Luther-Kirche, Mammendorf, Martin-Luther-Platz 1, Donnerstag, 19. Februar, Beginn 16 Uhr.

