Kino-GeschichteFortsetzung folgt in Gröbenzell

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Der Saal des Kinos Gröben-Lichtspiele wird derzeit umgebaut.
Der Saal des Kinos Gröben-Lichtspiele wird derzeit umgebaut. Jana Islinger

Die Gröben-Lichtspiele haben alle Höhen und Tiefen der Kinobranche miterlebt. In der dritten Generation steht in dem Familienbetrieb nun eine umfangreiche Sanierung an: Es soll mehr Komfort geben – weniger Sessel und dafür mehr Beinfreiheit.

Von Peter Bierl, Gröbenzell

Das goldene Zeitalter des Kinos war während des sogenannten Wirtschaftswunders. Damals dominierten Heimatfilme und Schnulzen, während schwedische Ehedramen oder amerikanische Western manchen Pfarrer ob der Sündhaftigkeit von der Kanzel wettern ließ. Im Landkreis Fürstenfeldbruck lockte damals in jedem größeren Ort mindestens ein Lichtspielhaus reichlich Publikum an. Die meisten fielen allerdings schon in den späten Sechzigerjahren der Konkurrenz des Fernsehgeräts zum Opfer. Überlebt haben nur die Gröben-Lichtspiele, ein Familienbetrieb, der im Sommer sein 75-jähriges Bestehen feiert.

Der Gründer Ludwig Mair war eigentlich Metzger und betrieb die Bahnhofswirtschaft in Gröbenzell, das spätere Kultlokal „Hexe“. Dazu gehörte ein großer Saal, in dem Handballer und Turner trainierten und Faschingsbälle gefeiert wurden und gelegentlich ein Wanderkino Filme vorführte. „Der Saal war immer brechend voll und mein geschäftstüchtiger Großvater hat daraus seine Schlüsse gezogen“, sagt Petra Löw, die heutige Betreiberin.

Der Metzger besaß ein Grundstück an der Straße nach Puchheim, damals das südliche Ortsende, und ließ darauf 1950 einen Kinosaal errichten. Ursprünglich gab es dort etwa 320 Sitzplätze. Weil der Brandschutz nicht so streng wie heute war, durften zusätzlich zu den Sitzreihen Klappstühle aufgestellt werden. Die Leinwand war am Anfang kleiner als heute, links und rechts waren Kammern für Putzmittel und Vorräte, weil es keinen Keller gibt. Das Gebäude wurde später um eine Apotheke und Wohnungen vergrößert, die Kammern verschwanden zugunsten einer größeren Projektionsfläche.

Noch ohne Zuschauer waren die Gröben-Lichtspiele vor der Eröffnung am 1. Mai 1950.
Noch ohne Zuschauer waren die Gröben-Lichtspiele vor der Eröffnung am 1. Mai 1950. Gröbenlichtspiele

Mair lag voll im Trend. Damals eröffneten in vielen Orten Kinosäle. Ihre Geschichte hat vor einigen Jahren das Team des Bauernhofmuseums Jexhof erforscht und in einer Ausstellung gewürdigt, bei der auch der allererste Projektor der Gröben-Lichtspiele gezeigt wurde. Viele Leute hatten in der Wiederaufbauzeit wieder etwas Geld in der Tasche, wollten Unterhaltung und waren fasziniert von dem nicht mehr ganz neuen Medium, das sich ausbreitete. Das allererste Kino im Landkreis Fürstenfeldbruck eröffnete bereits 1912 ebenfalls in einer Wirtschaft, dem Bichlerbräu in Fürstenfeldbruck, mit täglich zwei Filmvorführungen und wöchentlich wechselndem Programm. Es folgte Gernlinden, dort wurde 1925 ein Kino an einen Hof angebaut.

An der Maisacher Straße in Bruck wurde 1930 das Lichtspielhaus errichtet. In den Dörfern war Wanderkino beliebt, das in den Wirtshäusern gespielt wurde. Manchmal entwickelte sich wie in Gröbenzell ein festes Etablissement wie beim Alten Wirt in Wildenroth, wo nach dem Zweiten Weltkrieg ein stationäres Kino für fast 200 Personen entstand.

Kinobesitzerin Petra Löw im Foyer des Gröbenzeller Lichtspielhauses.
Kinobesitzerin Petra Löw im Foyer des Gröbenzeller Lichtspielhauses. Jana Islinger

In Bruck eröffneten die Amperlichtspiele (1950), die Mozart-Lichtspiele (1952) und das „Capitol“ (1957), in Maisach die Bahnhof-Lichtspiele (1949), die Prinzess-Lichtspiele (1951) und das Filmtheater (1954), in Eichenau das Central-Lichtspielhaus um 1949. In Türkenfeld bestand das Melodie-Filmtheater von 1957 bis 1971, in Puchheim existierte ein Filmtheater bis mindestens 1958. In Germering stritten mehrere Interessenten um Lizenzen, es entstanden die Unterhaltungslichtspiele in Unterpfaffenhofen, ein Kino im Wirtshaus Hartl, dazu das Centraltheater in der Bahnhofstraße.

Das Lichtspielhaus in Bruck steht heute unter Denkmalschutz und wird als Kulturhaus in städtischem Besitz von einem Verein betrieben. Dazu gibt es das Scala-Kino im Westen der Stadt und das Cineplex in Germering, beide vergleichsweise jung und mit mehreren Sälen ausgestattet. Aber von den Betrieben aus der Boomphase in den 1950er-Jahren sind einzig und allein die Gröben-Lichtspiele übrig.

Popcorn – ein Muss für Kinogänger.
Popcorn – ein Muss für Kinogänger. Jana Islinger

Der Sohn des Gründers wollte nicht in dessen Fußstapfen treten, musste aber wider Willen eine Metzgerlehre absolvieren und das Kino ein paar Jahre vor dem Tod des Seniors 1969 übernehmen. Ludwig Mair junior ließ das Haus 1978 renovieren. Die alten Holzstühle wurden gegen bequeme gepolsterte Sessel ausgetauscht, die Zahl der Plätze auf 260 reduziert.

Die Enkelin Petra Löw ist mit dem Kino aufgewachsen. Als Mädchen war sie an den Wochenenden als Platzanweiserin im Einsatz. Mit zwölf Jahren sah sie heimlich vom Vorführraum aus den Film „Der Exorzist“ und träumte das nächste halbe Jahr schlecht. „Kino wollte ich nie machen“, sagt sie, ihre beiden Söhne wollen den Familienbetrieb heute auch nicht übernehmen. Sie lernte technische Zeichnerin und machte das Abitur, arbeitete für Gröbenzeller Handwerker Pläne aus. Dann wurde in Gilching für das renommierte Breitwand-Kino 1999 ein neuer Pächter gesucht. Löw, inzwischen mit zwei kleinen Kindern, übernahm den Betrieb und arbeitete dort zwei bis drei Tage in der Woche. Seit dem Tod des jüngeren Ludwig im Mai 2006 führt sie auch die Gröben-Lichtspiele.

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Das Geschäft sei nicht großartig. Sie verdiene damit, aber nur, weil ihr das Haus gehört und sie keine Miete bezahlen muss. „Sonst hätten wir schon in den 1970er-Jahren dicht gemacht“, sagt Löw. Zum einen verlangten die Verleiher ihren Preis. Für einen neuen Film bezahle sie umgerechnet 53 Prozent des Preises für eine Eintrittskarte. Die große Popcorn-Tüte bringt mehr ein, weshalb sie es bedauert, wenn Zuschauer darauf verzichten, weil sie den Boden vor Bröseln bewahren wollen. Zum anderen verlangten manche Verleihfirmen, dass jeder neue Streifen drei Wochen lang gezeigt wird, einschließlich Abendvorführungen. Floppt ein Film, beschert das Kinobetreibern erhebliche Verluste – zumal bei nur einem Saal wie in den Gröben-Lichtspielen. Manche Verleiher seien zum Glück großzügiger bei kleinen Kinos, erzählt sie. Dazu kommen Abgaben für Gema oder Filmförderung.

Früher am Rand von Gröbenzell, seit vielen Jahren mittendrin: die Gröben-Lichtspiele.
Früher am Rand von Gröbenzell, seit vielen Jahren mittendrin: die Gröben-Lichtspiele. Jana Islinger

Löw betreibt kein reines Programmkino, sondern zeigt auch mal Blockbuster wie jetzt „F 1“ mit Brad Pitt. Sie charakterisiert ihr Angebot als „gehobenen Mainstream“, dazu gehört eine Matinée am Sonntag.

Das große Problem für das Kino ist das Pantoffelkino, der Fernseher, der allerdings bei den Jüngeren von Streamingdiensten abgelöst wird. Obendrein hat die Corona-Pandemie noch mehr Menschen daran gewöhnt, zu Hause zu bleiben. „Etwa ein Drittel der Kundschaft ist verloren gegangen“, bilanziert Löw. Dazu komme ein grundsätzliches Phänomen: Die Deutschen gehen weniger aus als Menschen in anderen Ländern. Sie verweist auf eine Statistik, wonach der Bundesbürger im Schnitt 1,3 Mal im Jahr ein Kino besucht, in den USA gehen die Menschen dagegen viermal und in Frankreich sechsmal im Jahr ins Kino.

Das Ziel: Bei der jungen Generation Begeisterung wecken

Sie lebt von Stammkunden, die mit Kino groß geworden sind und immer älter werden. Um jüngere Kunden zu werben, bieten die Gröben-Lichtspiele daher Kino für die Schulen, zwei Wochen vor den Osterferien, dazu kurz vor den Pfingst- und den Sommerferien. Für die Vorweihnachtszeit habe die Rektorin einer Grundschule bereits den ganzen Saal für den neuen Pumuckl-Film gebucht. Solche Schulvorstellungen können immer gebucht werden. Der Eintrittspreis liegt bei bescheidenen fünf bis sechs Euro, aber Löw hofft, damit langfristig in den nachwachsenden Generationen wieder Begeisterung für das Kino zu schaffen.

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Außerdem setzt Löw auf mehr Komfort. Derzeit bauen Handwerker den Kinosaal wieder um. Nur 137 Sitze werden bleiben, aber mit deutlich mehr Beinfreiheit zwischen den Stuhlreihen, dafür werden die einzelnen Treppenstufen verbreitert. In der hintersten Reihe werden vier Sofas mit Tischen aufgestellt, die nächsten drei Stuhlreihen bekommen ebenfalls einen Tisch. Ganz vorn in der ersten Reihe werden Liegestühle aufgestellt.

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