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Kinderpornografie:"Mehr Straftaten werden bekannt"

Hauptkommissar Martin Kirchschlager ist in der Netzwerkfahndung des bayerischen Landeskriminalamts tätig.

(Foto: Robert Haas)

Immer häufiger muss sich das Amtsgericht mit Kinderpornografie beschäftigen. Martin Kirchschlager ist Fahndungsexperte bei der Kriminalpolizei. Er erläutert die Hintergründe

Interview von Ariane Lindenbach, Fürstenfeldbruck

Es ist eine Straftat, die mit dem Aufkommen des Internets immer mehr um sich greift: der Besitz und das Verbreiten kinderpornografischer Schriften. Mit den neuen Technologien lassen sich derartige Inhalte viel leichter - und meist unbemerkt - produzieren und auf der ganzen Welt verteilen. Dementsprechend steigt auch die Zahl der erwischten Täter. Obwohl sich auf deren Computern oft Hunderte, gar Tausende dieser Dateien finden, erklären sie in jüngster Zeit vor Gericht immer öfter, die Daten nur versehentlich heruntergeladen zu haben. Die SZ sprach darüber mit Martin Kirchschlager. Der 32 Jahre alte Kriminalhauptkommissar ist Leiter der Netzwerkfahndung im Bayerischen Landeskriminalamt.

SZ: Herr Kirchschlager, in letzter Zeit häufen sich am Amtsgericht Verfahren wegen Besitzes und Verbreitens kinderpornografischer Schriften. Ihre Einschätzung als Netzfahnder - konsumieren wirklich mehr Männer solche Filme und Fotos oder entsteht einfach nur der Eindruck, weil die Polizei gründlicher fahndet?

Martin Kirchschlager: Die Zahl dieser Ermittlungsverfahren hat sich tatsächlich deutlich erhöht. 2017 ist die Zahl der Fälle in ganz Bayern gegenüber 2016 um circa 35 Prozent gestiegen. 809 Fälle waren es 2016, 1090 im letzten Jahr. Darunter fallen der Besitz und das Beschaffen von kinderpornografischem Material. Wir führen diesen Anstieg auf ein stark gestiegenes Hinweisaufkommen aus den USA zurück, aber auch auf eine ständige Optimierung der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Tatsächlich glauben wir, dass uns immer mehr Straftaten bekannt werden. Uns liegen keine Hinweise vor, dass mehr Männer kinderpornografisches Material konsumieren.

Was hat es mit den Hinweisen aus den USA auf sich?

In den USA sind Unternehmen und Anbieter verpflichtet die Inhalte der Nutzer nach verdächtigem Material zu filtern und Kinderpornografie an die Behörden zu melden. Sind Personen aus Deutschland darunter, wird das an die entsprechenden Stellen weitergegeben.

Vom bloßen Betrachter zum Akteur - wie oft gibt es das nach Ihrer Einschätzung?

Es gibt verschiedene Studien mit teils unterschiedlichen Ergebnissen zu dieser Frage. Statistisch betrachtet haben etwas mehr als ein Viertel der Kinderporno-Konsumenten auch tatsächlich mindestens einmal Kinder sexuell missbraucht.

Haben Sie auch schon erlebt, dass eine Frau solche Bilder konsumiert?

Weder aus meiner mehrjährigen Verwendung im Münchner Fachkommissariat für Sexualdelikte noch aus meiner Zeit als Leiter der Netzwerkfahndung ist mir auch nur ein einziger Fall bekannt, in dem eine Frau aus eigener Motivation heraus kinderpornografisches Material konsumiert hat. Um es klar zu sagen: Es handelt sich um ein Männerproblem. Dies wird auch durch die polizeilichen Statistiken gestützt.

Hat eine bestimmte Personengruppe eine Vorliebe für Kinder?

Es gibt kein einheitliches Täterprofil. Da kann es sich sowohl um alleinstehende Männer als auch Familienväter jeden Alters mit oder ohne Beruf handeln. Den typischen Kinderporno-Konsumenten gibt es nicht.

Eine gängige Erklärung, die man immer öfter von Angeklagten hört, ist, dass die Dateien aus Versehen heruntergeladen wurden und derjenige eigentlich nur legale Pornos haben wollte. Wie realistisch ist das?

Ich teile die Einschätzung, dass es sich dabei um Ausreden handelt, mit denen sich Täter oft auch vor ihrem persönlichen Umfeld und Familienangehörigen rechtfertigen wollen. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass jemand versehentlich oder unbewusst kinderpornografisches Material besitzt. Aus Sicht der Täter ist es natürlich leichter und bequemer, sich hinter so einer Lüge zu verstecken, als sich und anderen einzugestehen, ein Problem zu haben und es aufzuarbeiten. Das aber wäre die Pflicht von Tätern, die Missbrauchsabbildungen, so die zutreffendere Bezeichnung für Kinderpornografie, konsumieren. Jedes Beschaffen steigert die Nachfrage nach weiteren Missbrauchsabbildungen. So tragen Konsumenten von Kinderpornografie durch ihr Verhalten aktiv zum sexuellen Missbrauch wehrloser Kinder bei.

Wirkt sich die steigende Nachfrage auf den Markt aus? Werden deshalb immer mehr Fotos und Filme produziert?

Die Anzahl der sich im Umlauf befindlichen kinderpornografischen Bilder und Videos steigt kontinuierlich. Auch relativ neue Phänomene wie der sogenannte "Webcam Child Sex Tourism" tragen dazu bei. Bei dieser besonders widerwärtigen Form des sich Verschaffens von Kinderpornografie leiten die meist aus reichen Industrienationen stammenden Täter Menschen aus in der Regel armen Ländern zum sexuellen Missbrauch von Kindern live vor der Webcam an und bezahlen dafür.

Werden diese Kinderpornos nur im Darknet angeboten?

Nein, nicht ausschließlich. Aber wir möchten aus nachvollziehbaren Gründen keine Hinweise darauf geben, wie und wo sich kinderpornografisches Material finden lässt.

Haben Sie einen Tipp für Partnerinnen, woran diese erkennen können, dass ihr Partner illegale Dateien herunterlädt?

Dafür gibt es leider keine allgemeingültigen Verdachtsmomente. Tatsächlich sollten Frauen die entsprechende Feststellungen auf dem gemeinsam genutzten Computer machen, umgehend die Polizei informieren.

Sie empfehlen, dass diese Frauen vorher nicht Ihren Partner darauf ansprechen?

Ja. Wenn Frauen kinderpornografisches Material auf dem gemeinsam genutzten Computer finden, sollten sie direkt die Polizei informieren. Das Konfrontieren des Partners könnte zu einer Eskalation führen.

Wo können denn Betroffene selbst Hilfe finden?

Es gibt kostenlose und anonyme Beratungs- und Behandlungsangebote für pädophile Menschen, wie zum Beispiel das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden". Pädophile Personen lernen dort mit ihrer Veranlagung zu leben, ohne Straftaten zum Nachteil von Kindern zu begehen. Es handelt sich um ein bundesweites Netzwerk mit Standorten unter anderem in Regensburg und Bamberg. Nähere Informationen finden sich auf der Homepage www.kein-taeter-werden.de.

© SZ vom 25.09.2018
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