Am Dienstag war der Tag des Gedenkens an die Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee. Wie kann die Erinnerung an die NS-Verbrechen wachgehalten werden? Gabriele Triebel, Präsidentin der europäischen Holocaust-Gedenkstättenstiftung und Sprecherin für Erinnerungskultur der Landtagsfraktion der Grünen, fordert neue Wege in der politischen Bildung.
SZ: Frau Triebel, die Zeitzeugen sterben, die Erinnerung verblasst, die extreme Rechte ist im Aufwind. Was kann Erinnerungskultur dagegen tun?
Gabriele Triebel: Wir müssen neue Formen finden, damit die Shoah als Zivilisationsbruch einen Platz im kollektiven und kulturellen Gedächtnis bekommt. In der Vermittlung der Shoah müssen wir neben den klassischen Führungen neue Wege gehen, ohne die Menschen zu überwältigen. Das wichtigste Ziel ist, Wissen mitzugeben und Mitgefühl zu erzeugen.
Was heißt das?
Die Erinnerung an die Vergangenheit muss der Ausgangspunkt sein, um sich mit der Gegenwart zu beschäftigen. Die zentrale Frage, die sich jeder stellen soll: Was hat das mit mir zu tun, wie gehe ich mit anderen um?
Mit dieser Strategie entfernt man sich allerdings von dem, was die Shoah als Zivilisationsbruch ausmacht. Wäre es nicht wichtiger, sich mit Antisemitismus als Motiv zu befassen?
Ja, das ist ein wichtiger Aspekt. Ich bin der Meinung, dass Antisemitismus leider aufgrund jahrhundertelangen Schürens von Vorurteilen und Verschwörungsmythen tief in unserem kulturellen Gedächtnis Platz gefunden hat. Der Genozid an den Juden konnte stattfinden aufgrund der Vorstellung von ihnen als dem absolut Bösen, das vernichtet werden muss.

Wenn wir die Shoah als Ausgangspunkt nehmen, um uns mit der Gegenwart zu beschäftigen, wie Sie empfehlen, setzen viele Auschwitz mit Gaza gleich. Was tut man dagegen?
Das ist sehr schwierig, das erlebe ich in Diskussionen mit Schülern. Darum bleibt es so wichtig, Fakten zu vermitteln. Viele Jugendliche wissen sehr wenig über die Shoah. Wir versuchen zum Beispiel, den authentischen Ort wirken zu lassen.
Sie meinen die Arbeit Ihrer Stiftung?
Ja, wir sind eine zivilgesellschaftliche Organisation, die das Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers VII bei Landsberg besitzt. Dort stehen die letzten im Original bestehenden Häftlingsunterkünfte auf deutschem Boden. Wir unterhalten das Grundstück, sammeln Informationen und stellen sie der Öffentlichkeit zur Verfügung. Die KZ-Außenlager bei Landsberg wurden im Sommer 1944 errichtet, etwa 30 000 KZ-Häftlinge sollten gigantische halb-unterirdische Rüstungsbunker errichten, über 6500 uns namentlich bekannte von ihnen wurden vor Ort ermordet.
Das klingt doch wieder nach klassischer Aufklärung?
Solche Orte müssen vermitteln, was und wie es passiert ist. Dieses Wissen sollte dann auf die Gegenwart angewendet werden. Die KZ-Lager zeigen auch, dass der Massenmord nicht weit weg in Vernichtungslagern im Osten, sondern vor der eignen Haustür stattfand.

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Bekommen Sie staatliche Unterstützung?
Es gibt bis heute keine institutionelle finanzielle Förderung durch Bund, Freistaat oder die Kommunen. Mal gab es einen Zuschuss, als wir ein paar alte Bäume fällen und entfernen lassen mussten. Wir finanzieren uns durch Spenden und Führungsbeiträge. Das Geld für den Grundstückskauf hat ein ehemaliger KZ-Häftling gespendet, der Kapitalstock der Stiftung stammt von einem Überlebenden aus dem Lager Kaufering.
Die meisten Täter konnten ihre Karrieren fortsetzen, es wurde möglichst alles unter den Teppich gekehrt, von demokratischen Parteien, in Familien, am Stammtisch.
Mit der Tabuisierung bin ich aufgewachsen. Wir haben als Kinder Bunkereingänge entdeckt und den jüdischen Friedhof am Lech. Zu Hause hieß es: Da geht ihr nicht mehr hin, das ist kein guter Ort. Erst die Gruppe um Anton Posset hat die Geschichte der KZ-Außenlager in den 1980er-Jahren wieder aus der Versenkung geholt.
Heute übernimmt eine extrem rechte Partei mit Erfolg die Verdrängung.
Es existieren zwei Tendenzen nebeneinander: Mitarbeiter von Gedenkstätten erzählen, dass bis etwa im Jahr 2000 manche Besucher den Holocaust schlicht leugneten, seitdem fänden sich immer mehr Leute, die sagen: Ja, das hat stattgefunden und das war in Ordnung. Das ist die offene Bejahung; und es gibt die Leugnung und Verdrängung. Etwa wenn die AfD eine Wende in der Erinnerungskultur um 180 Grad verlangt oder das Grauen des Nationalsozialismus zum Vogelschiss in der deutschen Geschichte verharmlost.

