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Kanzlersohn Walter Kohl:"Heraus aus dem alten Opferland"

Walter Kohl spricht im SZ-Interview über traumatische Erfahrungen, ungewöhnliche Begegnungen und den inneren Frieden mit der Vergangenheit. Am Mittwoch kommt er als Redner nach Gröbenzell.

Walter Kohl, 50 Jahre alt, ist Unternehmer, Autor - und der ältere Sohn von Helmut Kohl. In seinem ersten Buch "Leben oder gelebt werden" erzählt er von der persönlichen Belastung durch den Linksterrorismus der Siebzigerjahre, der Übermacht des Kanzler-Nachnamens, dem Freitod seiner Mutter und dem endgültigen Bruch mit dem Vater. Zwei Jahre später, 2013, ist sein zweites Werk "Leben, was du fühlst" erschienen. Die Versöhnung mit sich und der eigenen Vergangenheit, das ist das Leitmotiv des therapeutisch orientierten Buches. Walter Kohl hat ein "Zentrum für eigene Lebensgestaltung" gegründet und arbeitet als Coach. Am Mittwoch hält er einen interaktiven Vortrag über Versöhnung im Bürgerhaus Gröbenzell.

SZ: "Leid und Schmerz müssen auf derselben Bühne geheilt werden, auf der sie entstanden sind", schreiben Sie in Ihrem zweiten Buch.

Walter Kohl: Jeder hat seine Päckchen zu tragen. Es ist nun einmal mein Schicksal, dass ich in eine politische und von Anfang an öffentliche Familie hineingeboren wurde. Dementsprechend hatte ich die Wahl zwischen gar nichts machen, fliehen, mich verkämpfen oder auf die Bühne zurückzukehren, auf der meine Themen entstanden. Aber dann mit einer Aussage, von der ich total überzeugt bin.

Früher litten Sie darunter, nur der Sohn vom Kohl zu sein. Hat sich die Wahrnehmung Ihrer Person durch Ihre mediale Präsenz denn verändert?

Absolut. Man wird selbst zum Akteur, man sitzt nicht länger im Opferland auf der berühmten Couch, wo alles so vermeintlich böse ist, wo die anderen schuld sind, sondern man nimmt das Steuerrad des eigenen Lebens selbst in die Hand. Ich habe das Glück, dass ich durch meine Herkunft auch viele Menschen erreichen kann. Heute bin ich froh über mein neues, sehr positives Verhältnis zum Thema "Sohn vom Kohl", weil ich sage: Ja, das bin ich, aber auf eine andere Weise. Nicht im Sinne einer parteipolitischen Tätigkeit, sondern mit dem Ziel den inneren Frieden bei Menschen zu stärken.

In "Leben was Du fühlst'' schreiben Sie, dass es für Sie einer "handfesten existenziellen Krise'' bedurfte, um den Ausweg aus dem "inneren Teufelskreis" zu finden. Wieso musste es erst so weit kommen?

Es gibt bei vielen Menschen die Reaktionsmuster Flucht oder Kampf, auch bei mir. Irgendwann zeigt die Realität uns auf, dass die alten Muster nicht länger funktionieren - und das war nach dem Tod meiner Mutter, der Parteispendenaffäre und meiner Scheidung für mich gegeben. Und dann stellte sich mir die Frage: Gehe ich den Weg meiner Mutter oder wage ich einen Neuanfang? Heraus kam, was ich gerne Walter 2.0 nenne.

Also mussten Sie an diesen Tiefpunkt kommen, um sich auszusöhnen.

Leider ja. Aber in der Krise liegt immer auch eine Chance. Je tiefer eine Krise, desto größer wohl auch die Chance. In meinem Fall kamen mehrere Krisen innerhalb von kurzer Zeit zusammen. Und irgendwann war meine Kraft dann erschöpft und ich musste mich nach komplett neuen Methoden und Antworten umsehen. Eine für mich wichtige Schlüsselerfahrung war, dass man schmerzende Erfahrungen in neue Kraft wandeln kann. Wandeln ist was anderes als aussitzen, abschneiden oder wegdrücken. Wandeln heißt integrieren, so dass alte Kraftfresser zu neuen Kraftquellen werden.

Das klingt ziemlich theoretisch. Wie haben Sie sich denn ganz konkret mit Ihrer eigenen Biografie versöhnt?

Dieser Prozess hat 2003 angefangen, als ich erste Impulse angenommen habe, dass es ein anderes Denken geben kann. Vor allem Viktor Frankl hat mir ganz wichtige Hinweise in seinen Schriften gegeben. "Trotzdem Ja zum Leben sagen" ist übrigens eines der fantastischsten Bücher überhaupt. Der zweite wichtige Impuls war die Beschäftigung mit philosophischen Gedanken, allen voran Seneca und Marc Aurel. Und ganz wichtig: Die Wiederentdeckung meines christlichen Glaubens.

Haben Sie Rückfälle? Momente, in denen Sie alte, negative Gedanken überkommen?

Es gibt Situationen im Leben, wo man mit der ganzen Wucht der Situation konfrontiert wird, die man idealerweise in einen Frieden für sich selbst gebracht hat. In meinem zweiten Buch habe ich das Anliegen formuliert, Frieden mit der Bedrohung durch Linksterroristen in meiner Kindheit zu schließen. Vor einiger Zeit saß ich in der Schweiz auf einer Almhütte, so richtig in Heidi-Land-Atmosphäre. Plötzlich spricht mich ein Herr an: "Sie sind doch der Sohn vom Kohl. Können Sie kurz mit mir sprechen?" Ich zögerte, willigte aber ein. Er sagte mir, dass er bei der RAF gewesen sei und wollte wissen, ob ich ihn deswegen hassen würde. Verblüfft schaute ich ihn an und sagte spontan nein. Nach einem Moment der Stille fragte er mich, ob er mich in den Arm nehmen dürfe. Und ich sagte: ja. Mit Tränen in den Augen bedankte er sich. Es war für uns beide ein wichtiger Moment und für mich eine Bestätigung, dass mein Weg richtig ist.

Also kann man die Frage nach Rückfällen nach dieser Stabilitätsprobe mit Nein beantworten.

Man kann sie nicht pauschal beantworten, denn wer weiß was das Leben morgen bringt. Versöhnung schenkt aber sicherlich ein hohes Maß an Sicherheit und an Lebensfreude.

Man oder Sie?

Beides. Man im Sinne der Menschen, die ich im Coaching begleite. Und ich selbst spüre das natürlich auch.

In ihrem Buch betonen Sie, dass Sie sich mit sich selbst versöhnt hätten. Braucht es für die Aussöhnung mit einer überstarken Vaterfigur nicht auch das Gespräch mit dem Gegenüber?

Sie können keinen Frieden mit anderen machen, wenn sie keinen Frieden in sich selbst haben. Wenn jemand nicht erreichbar sein kann oder nicht erreichbar sein will, ist dies seine Entscheidung. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass man nicht die Freiheit zu seinem eigenen, einseitigen Frieden hat.

Belastet Sie das Verhältnis zu Ihrem Vater noch?

Nein, überhaupt nicht. Wenn Du wirklich Frieden finden willst, musst Du auch erwartungsfrei und absichtslos sein. Und das heißt: Es ist wie es ist und so ist es gut.

Haben Sie mittlerweile wieder Kontakt?

Nein, daran hat sich nichts geändert in den letzten Jahren. Mein Vater ist heute nur noch am Rande ein Thema. Bei Veranstaltungen und Coachings interessiert sich niemand für Helmut Kohl. Die Themen Terrorismus und der Tod meiner Mutter sind wichtiger für meine Biografie-Arbeit mit anderen Menschen.

Ihr erstes Buch ist autobiografisch, im zweiten geben Sie Tipps für das individuelle Lebensglück und sagen, dass sich Versöhnung wie eine Fremdsprache erlernen lasse. Wie kam dieser Perspektivenwechsel?

2006 habe ich im privaten Umfeld erste Vorträge gehalten und gemerkt, dass das Thema Versöhnung viele betrifft und ich damit nicht alleine bin. Mit viel Arbeit ist dann das erste Buch entstanden. Und die Resonanz war sehr groß. Bei Lesungen wurde ich häufig gefragt: "Herr Kohl, kann auch ich Versöhnung lernen?" 2012 kam dann die Entscheidung, ein Praxisbuch zu schreiben, um Menschen Impulse und Hilfestellungen bei Ihrer Biografie-Arbeit, ihrem Weg der Versöhnung zu geben.

Hatten Sie keine Bedenken, Ihren persönlichen Weg als Leitfaden auf andere Menschen zu übertragen?

Mein Leben ist kein Leitfaden. Ich stelle lediglich meine Gedanken zur Wahl.

Was raten Sie Ihren Klienten, die Versöhnung suchen?

Mein wichtigster Rat ist: Sei ehrlich zu Dir selbst. Sieh in den Spiegel, leg alles auf den Tisch und sei offen für neue Antworten. Heraus aus dem alten Opferland. Manchmal hilft innerer Abstand, also sich selbst wie eine Art Kinofilm von außen zu betrachten.

Der interaktive Vortrag von Walter Kohl über seinen Weg der Versöhnung findet am Mittwoch, 29. Januar, um 19.30 Uhr im Bürgerhaus Gröbenzell statt. Der Eintritt beträgt zwölf Euro.