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Kabarett:Wenn die Watschen sitzen

Alfred Dorfer gehört selbst der Baby-Boomer-Generation an, der er bei seinem Auftritt die Gleichförmigkeit ihrer Biografien vorhält. Besonders aufs Korn nimmt er Mütter, Väter, Kinder und Kulturjournalisten.

(Foto: Günther Reger)

Der Wiener Kabarettist Alfred Dorfer bringt das Selbstbild einer ganzen Generation ins Wanken. Kategorien wie Links und Rechts lehnt er ab und fordert stattdessen selbständiges Denken

Von Sonja Pawlowa, Gröbenzell

Alfred Dorfers Auftritt auf dem Parkplatz des Gröbenzeller Stockwerks hat etwas Religiöses. Die Schwüle, das drohende Gewitter und die abstandsreiche Bestuhlung vor der To-Go-Bühne auf einem umfunktionierten LKW wirken wie die neue Variante eines Altdorfer-Gemäldes. Ängstliche Blicke richten sich gen Himmel in der Hoffnung, der Kelch möge vorüberziehen, wobei vor Ort die Kelche mit Gin Tonic oder Aperol Spritz befüllt sind. Noch vor Beginn dankt Dorfer dem Publikum: "Ein Theater ohne Publikum ist keine Freude". Das bleibt der einzige Kommentar zum Thema Corona.

Einige Bevölkerungsgruppen kommen bei Dorfers Parkplatzpredigt besonders schlecht weg: Mütter, Väter, Kinder und Kulturjournalisten. Dorfer verspottet die Aura der Verkanntheit deutscher Professoren an der Uni Graz. In norddeutscher Weise ausgesprochen ist "Gratz" gleichbedeutend mit einem Abstieg in die Provinz, in die gerne "NC-Flüchtlinge" geschickt werden. Gleichermaßen verhöhnt er die Eitelkeit des unterbelichteten Reporters bei dem verzweifelten Versuch, sein Interview auf Augenhöhe zu führen und die klassische Beweisführung des Gymnasiallehrers, nämlich "steht in der Süddeutschen". "Wissen hilft, wirkt aber nicht immer." Ein Rundumschlag. Oder "Sagen'S das bitte unter Wasser", wie der Wiener sagt.

Es ist nicht immer leicht zu merken, wann die Watschen sitzen. Wer aber gut zuhört, muss zwangsläufig sein Selbstbild infrage stellen. Beispielsweise die eigene Individualität. Den Rahmen bilden ein Umzug und die Erinnerungen an ein ganzes Leben. Sämtliche Aspekte werden beleuchtet, mit einer Lampe ohne Lampenschirm. Die nackte Birne in der Fassung, die als immerwährende Übergangslösung den Charme der neuen Wohnung ausmacht, kennt sicher jeder.

Dorfer erhellt die Mutter-Kind-Beziehung des Mannes um die 50, der ins Elternhaus zurückkehren muss. Genugtuung bei der alten Mutter, denn: "Das erste Zuhause ist deine Mutter. Deine Frau ist nur ein Zweitwohnsitz." Und der Sohn lässt sich die hemmungslose Bewunderung der Mama gern gefallen. "Schön klingelt er, der Burli," sagt sie. "Schön klopft er. Schön sperrt er auf." Mütter, Väter, Kinder sind ein Thema, das sowieso jeden anspricht. Erziehungsziele, die die Boomer-Generation von ihren eigenen Eltern unterscheiden und auch nicht das Gelbe vom Ei sind. Da sei am Abend das Verhör, was denn der Papa mit dem Sohn am Nachmittag so gemacht hat. Statt wahrheitsgemäß "Cola, Pommes, Fernsehen" zu antworten, muss der Dreijährige die Öko-Mama anlügen. "Erst draußen gewesen, später Bücher gelesen." Das seien die Dogmen der "grünen Memmen aus dem Glockenbach". So deckt Dorfer schonungslos die Gleichförmigkeit der Biografien einer ganzen Generation auf. Im Subtext geht es um die Arroganz einer selbsternannten Bildungselite, die lieber evaluieren statt bewerten sage und sich auf nachgeplapperte philosophische Kalendersprüche stütze. "Ich denke, also bin ich" stimme eben nicht, wenn man nichts dabei denke.

Dabei müssten Klischees überprüft werden. Die gewohnte Einteilung in Links und Rechts zweifelt Dorfer an. Es ist schwer einzuordnen, wie er seine Provokationen meint. Möglich, dass seine feine Ironie nicht immer deutlich rüberkommt. Dorfer wagt sich da auf ein gefährliches Pflaster. "Wenn einer einer Ärztin oder Anwältin nicht die Hand geben will, weil sie eine Frau ist, dann hat der hier nichts zu suchen. So jemanden zu verteidigen ist Feigheit, die sich Toleranz nennt." Schwieriges Thema. Vorsicht AfD, so witzelt er. Obwohl ihn sicherlich keiner im Publikum als Nazi verdächtigen würde, macht Dorfer klar, dass er sich gegen festgelegtes Schubladendenken verwehrt. "Lassen wir die Links-Rechts-Scheiße hinter uns und schalten wir unseren Verstand ein", fordert er.

Der aufkeimende Wunsch nach vermeintlicher Klarheit und die damit einhergehende Abneigung gegen die Demokratie alarmieren Dorfer. Schließlich seien Sokrates und Jesus durch Volksentscheide ums Leben gekommen. "Demokratie funktioniert eh nur mit 30 Prozent Mündigen." Dorfer präsentiert den aktuellen Zeitgeist in einem buddhistischen Gleichnis. "Die Freiheit ist wie eine deutsche Autobahn. Immer im Stau, aber ohne Tempolimit."

Dorfer hat ins Schwarze getroffen. Einer ganzen Generation hat er die Lebenslügen geraubt. Denn diese Generation ist für ihn nicht unangepasst und kritisch. Es sind die neuen linksliberalen Spießer. Und das Schlimmste: der Mainstream, das politische Fußvolk.

© SZ vom 04.08.2020

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