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Junge Helfer:Keine Zeit fürs Ehrenamt

Unternehmensberater und Coach Michael Blatz (links) verweist auf Statistiken, nach denen die Zahl der Vereine steigt. Nur die Zahl der Mitglieder sinkt.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ein Coach gibt Vereinen Tipps, wie man den Nachwuchs zur Mitarbeit bewegen kann. Auch einige Jugendliche, die sich bereits engagieren, schildern ihre Erfahrungen

In seiner kurzen Begrüßungsrede betonte der Landrat, wie wichtig die Vereine für die Gesellschaft seien und verschwand anschließend. "Ich habe keine Zeit für das Ehrenamt, ich muss zum nächsten Termin", erklärte Thomas Karmasin (CSU) den etwa 80 Vertretern von Verbänden und Vereinen, die zu der Veranstaltung unter dem Motto "Nachwuchs fördern - Nachwuchs gewinnen" am Dienstagabend in den Sitzungssaal der Kreisbehörde gekommen waren. Ziel der Veranstaltung war, Ursachen für den Mangel an Nachwuchs in Ehrenämtern auf den Grund zu gehen und Tipps zu liefern, wie das Defizit behoben werden könnte.

Dazu hatte das Landratsamt den Unternehmensberater und Coach Michael Blatz als Referenten und Moderator sowie junge Aktive aus diversen Vereinen eingeladen. Blatz präsentierte zum Einstieg interessante Statistiken. Im Gegensatz zur These vom Vereinssterben wächst deren Zahl in Deutschland kontinuierlich, von rund 416 000 im Jahr 1995 auf mehr als 603 000 im Vorjahr. Bloß haben diese Vereine immer weniger Mitglieder. Waren 1990 fast zwei Drittel der Deutschen in einem Verein, so sank diese Zahl bis 2014 auf 44 Prozent. Was die neuen Vereine betrifft, so finden sich diese vor allem in den Bereichen Bildung, Soziales und Gesundheit sowie in exotischen Sparten wie Kopfballtischtennis oder Jugger, ein Spiel, das Elemente von Ringen und Fechten mit Ballspielen kombiniert. Vor allem solche Vereine ziehen junge Leute an, erzählte Blatz.

Was die Schwierigkeiten betrifft, so berichtete der Unternehmensberater, dass sich eine Dienstleistungsmentalität breit mache, den Vereinen Konkurrenz von kommerziellen Anbietern erwachsen sei, etwa den Fitnessstudios, und die fachlichen und bürokratischen Anforderungen an Vereinsaktive wachsen. Dann konzentrierte sich der Coach auf das Positive: Was kann ein Verein tun, um attraktiver zu werden? Dazu müsse man zuerst den Ist-Zustand kritisch hinterfragen. Ist der Laden zu altbacken für Jüngere, gewährt man diesen auch Freiräume. Anschließend gelte es, eine "Wertschätzungskultur" zu etablieren und den persönlichen Nutzen für Ehrenamtliche herauszustreichen: Die Anerkennung, die man erfahre, aber auch, dass sich Engagement im Lebenslauf bei Bewerbungen auszahle.

Die vier Jugendlichen, die sich bei den Feuerwehren in Gröbenzell und Gernlinden sowie der Blaskapelle in Schöngeising engagieren, schilderten anderen Vorzüge: Gleichaltrige treffen, Freundschaften schließen, gegenseitige Hilfe und die Erfahrungen, die ältere Vereinsmitglieder weitergeben. Der Jugendfußballtrainer vom FC Aich kennt sowieso keine Nachwuchsprobleme und der Vorsitzende eines Soldaten- und Veteranenvereins in Pittriching rekrutiert mühelos neue Mitglieder, weil in dem Dorf anscheinend noch die Welt in Ordnung ist. In der Fragerunde äußerten etliche Zuhörer ihren Unmut. "Wann soll ich denn überhaupt jemanden ansprechen, wenn schon im Kindergarten alle Fußball spielen", fragte ein Vertreterin des Rugbyvereins Gröbenzell. Ein älterer Herr rügte die Zusammensetzung des Podiums: Zur Feuerwehr gingen die Technikbegeisterten, der Fußball dränge sowieso alle anderen Sportarten an den Rand und ein "Fahnenträger für die Toten" aus Pittriching sei nicht wirklich repräsentativ. "Große Probleme haben doch viele Kulturvereine, etwa die Chöre", warf er ein.

Mit den Ursachen für das insgesamt sinkende Interesse an Verein und Ehrenamt hatte sich Blatz nicht weiter aufgehalten. Dabei hätte ein Blick in die Runde eine soziologische Analyse ersetzt. Anwesend waren vor allem junge Leute und Senioren. Die mittleren Generationen ist im Beruf eingespannt - so wie der Landrat.