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Jubiläum:Häuser für Kriegsopfer

Eine Ortsführung bringt die Geschichte Gernlindens näher

Ein Wappen ziert das Gras des Kreisels, von dem aus die Straßen nach Gernlinden und Maisach abzweigen. Es ist geformt wie ein Schild, leuchtend rot, ein gelber Streifen führt durch die Mitte - das Wappen der Gemeinde Maisach. Darunter leuchtet dem Autofahrer ein weißes Schild entgegen: "100 Jahre Gernlinden" ist darauf zu lesen. Es wirkt beinahe wie ein Ankündigungsschild für die Feierlichkeiten, mit denen die Bewohner des Ortsteils von Maisach am Wochenende das Jubiläum ihres Ortes begingen. Dazu gehörten auch verschiedene Führungen, in denen der Arbeitskreis Geschichte interessierte Bürger über die Historie Gernlindens informierte.

Die Rolle des Ortsführers übernahm Ortsarchivar Stefan Pfannes. Er räumt auch mit einem Irrtum auf: 100 Jahre Gernlinden, wie es das Schild auf dem Kreisverkehr verkündet, ist historisch nicht korrekt. Bewohnt war das Gebiet bereits 2000 vor Christus, wie einige Überreste bezeugen. "Es müsste also eigentlich heißen: 100 Jahre Siedlung Gernlinden", erklärt Pfannes den über 20 Teilnehmern, die sich seiner Führung angeschlossen haben.

Rund eine Stunde führt er durch den Ort, zeigt Bilder und alte Flurkarten und gewährt so einen kurzen Einblick darauf, wie es war vor über hundert Jahren, als Gernlinden aus kaum mehr bestand als aus einem Hof, Feldern und einer Bahnstrecke. Dieser Hof befand sich bis 1908 im Besitz der Bauernfamilie Heinzinger. Dann entschloss sich der jüngste Sohn, das Gut zu veräußern. So kam es, dass das gesamte Gelände für 320 000 Goldmark in den Besitz des Grafen von Toerring-Jettenbach überging. Dieser hatte eine Vision: Eine prächtige Villensiedlung sollte auf dem Gelände entstehen. 1913 begann der Graf mit den Vorbereitungen, 1916 wurden die ersten Straßen gebaut.

Doch aus seinen Plänen wurde nichts, erklärt Pfannes. Die Gruppe ist an einer Straßenecke stehen geblieben, Schilder weisen sie als die Graf-Toerring-Straße aus. Der Ortsführer zieht eine alte Flurkarte aus einer Tasche und deutet auf das Gebiet südlich der Bahnstrecke, wo nach von Toerrings Vorstellungen die neue Siedlung entstehen sollte. Das Gelände ging 1919 an den Vorläufer der bayerischen Landessiedlung. Diese errichteten statt der Prachtbauten eine Siedlung für Kriegsbeschädigte und Kriegerwitwen. "1918 endete der Erste Weltkrieg. Da hatte man keinen Bedarf mehr für eine Villensiedlung. Da hatte man andere Probleme", sagt Pfannes. So entstanden schließlich Anfang der Zwanzigerjahre die ersten Häuser des heutigen Gernlinden. 1934 wurde die erste Kirche fertig gestellt, schließlich eine Schule gebaut. Die Siedlung mit ein paar hundert Bürgern wuchs zu dem 5000 Einwohnerort, wie er jetzt existiert.

Mit Gernlinden, so wie es entstand, seien aber nicht alle einverstanden gewesen, erklärt Pfannes. "Die Menschen, die 1920 in die ersten Häuser zogen, waren finanziell nicht gut aufgestellt." Da Gernlinden politisch schon damals zur Gemeinde Maisach gehörte, musste die Kommune die Fürsorge der Bürger übernehmen. Die Hilfeleistungen brachten Maisach an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Die Kommune zählte zu den am höchsten verschuldeten in ganz Bayern. Erst 1933 konnte der Haushalt Maisachs wieder saniert werden. Bis heute bestehe das Klischee, dass Maisacher Vorbehalte gegen Gernlinden hegen. "Das geht zurück auf diese Zeit", erklärt Pfannes.

Mittlerweile ist die Gruppe beinahe wieder am Ausgangspunkt angekommen. Je mehr die Führung an ihr Ende geht, desto mehr schwinden die Bilder der frühen Zwanzigerjahre, man kehrt zurück in das Jahr 2019. Was wohl aus der Familie Heinzinger geworden ist, fragt eine Frau. "Die haben sich mit dem Erlös des Gutes in Fürstenfeldbruck zur Ruhe gesetzt", erklärt Pfannes. "Die Nachkommen gibt es noch. Sie tragen allerdings nicht mehr denselben Namen."

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