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Jesenwang:Strom für 6100 Personen

Genossenschaft will mit einem Windrad im Wald zwischen Jesenwang und Grafrath klimafreundlich Energie erzeugen. Politiker und Betreiber widersprechen den Kritikern, die sich bereits formiert haben

Wer ein Windrad bauen will, muss Gegenwind aushalten. Diese Erfahrung haben die Stadtwerke Fürstenfeldbruck gemacht, die gegen großen Widerstand vor einigen Jahren die beiden bislang einzigen Anlagen gebaut haben und seither erfolgreich betreiben - die dritte bei Puch geplante scheiterte. Und diese Erfahrung macht aktuell eine Genossenschaft aus Freising, die zwischen Jesenwang und Grafrath auf einem der letzten theoretisch geeigneten Flecken im Landkreis ein Windrad errichten will.

Eine Anfrage auf Vorbescheid wird vom Landratsamt bearbeitet. Am vergangenen Wochenende besichtigten bereits an die 50 Kritiker, angeführt vom Grafrather CSU-Gemeinderat Gerald Kurz, den geplanten Standort und kamen zur Erkenntnis, dieser sei unter anderem aus Umweltschutzgründen nicht geeignet.

Jesenwangs Bürgermeister Erwin Fraunhofer (CSU) mahnt ebenso zur Sachlichkeit wie Werner Hillebrand-Hansen von der "Bürger Energie Genossenschaft Freisinger Land". Auch Gottfried Obermair vom Klimawendeverein Ziel 21 will "erst mal Dampf rauszunehmen und in Ruhe miteinander reden". Alle drei machen klar, dass es gerade Aufgabe des Ende März in Gang gesetzten Prüfungsverfahrens ist, den Standort neutral und gewissenhaft auf seine Eignung zu prüfen. Im Fokus stehen Umwelt- und Artenschutz ebenso wie Aspekte der Flugsicherung, Schallschutz, Richtfunk oder mögliche Blendwirkung.

Die Stelle südlich von Jesenwang gilt als privilegiert, da sie mit der 2014 für Bayern erlassenen 10-H-Regel vereinbar ist - die nächste Siedlung ist von dem Windrad mehr als das Zehnfache der Höhe, also 2000 Meter entfernt. Geplant ist eine Anlage des Typs Enercon E-138 mit einer Leistung von 4,2 Megawatt, mit 131 Meter Nabenhöhe und 69 Meter langen Rotorblättern. Sie soll den Stromverbrauch von gut 6100 Personen decken und auf Basis des deutschen Strommixes fast 3500 Tonnen CO₂ einsparen. Den Flächenbedarf inklusive Kranstellbereich beziffert die Genossenschaft auf etwa 8000 Quadratmeter.

Um die in der Nähe wohnenden Bürger für das Projekt zu gewinnen, soll ihnen die Möglichkeit einer Beteiligung gegeben werden. Einwohner von Jesenwang, Mammendorf, Grafrath und Kottgeisering könnten als Mitglieder der Genossenschaft sogenannte Nachrangdarlehen einbringen und vergünstigten Bürgerstrom beziehen. Vorstandsmitglied Werner Hillebrand-Hansen betont, dass das Windrad wirtschaftlich zu betreiben sei: "Da sind wir ganz entspannt." Standort und Energieausbeute gelten als vergleichbar mit Mammendorf und Malching. Dort stehen die beiden etwas größeren Windräder der Stadtwerke, die ihre Rentabilität längst bewiesen haben. Das eigene Windrad in Freising, das die vor allem auf den Bau von Photovoltaikanlagen spezialisierte Genossenschaft unter Beteiligung von 250 Bürgern errichtet hat, liege deutlich über den Prognosen, so Hillebrand-Hansen - die Darlehensverzinsung beziffert er auf drei bis vier Prozent. Der Freisinger Genossenschaft gehören etwa 660 Mitglieder an, darunter viele Städte und Gemeinden.

Hillebrand-Hansen rechnet mit zwei Jahren für Genehmigungen und Untersuchungen sowie einem halben Jahr Bauzeit. Sollte alles reibungslos verlaufen, könnte das Windrad 2022 ans Netz gehen.

Dass sich die Hürde der Prüfungen freilich einfach nehmen lässt, daran zweifelt Bürgermeister Fraunhofer. Denn es ist nicht das erste Mal, dass jemand an der Stelle eine Anlage bauen will. Vor drei Jahren meldete ein Investor bereits Interesse an. Das Luftfahrtamt brachte damals aber Bedenken vor. Die Brucker Stadtwerke ließen sich aus demselben Grund etwas später ebenfalls den Wind aus den Segeln nehmen. Im März ließen sich die Freisinger davon nicht beirren und beantragten einen Vorbescheid. Sollte der nun doch erteilt werden, hätten auch die Stadtwerke Interesse, mit einzusteigen.

Erwin Fraunhofer beobachtet den Fortgang aus der Distanz. Von der Demo der Kritiker erfuhr er erst am Folgetag. Die Gemeinde Jesenwang hat einstimmig dem Projekt zugestimmt (unter der Auflage, dass künftige Baugebiete dadurch nicht behindert werden) - wohl wissend, dass das Windrad auch ohne ihre Zustimmung gebaut werden dürfte, falls alle formalen Auflagen eingehalten werden.

Fraunhofer steht der Windkraft grundsätzlich positiv gegenüber. Ohne Windräder sei die Energiewende kaum zu schaffen. So sieht das auch Gottfried Obermair (Freie Wähler), der immer noch hofft, dass langfristig zumindest drei weitere Windräder im Landkreis gebaut werden - möglicht unter Bürgerbeteiligung. Klar bekannt haben sich zu dem Windrad-Projekt im Sinne des Klimaschutzes bereits die Grünen aus Grafrath, Kottgeisering, Moorenweis und Schöngeising.

© SZ vom 27.06.2020

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