Jesenwang:Sankt Willibald trotzt Corona

Der traditionelle Ritt ist zwar auch in diesem Jahr pandemiebedingt offiziell abgesagt worden. Nach dem Wallfahrergottesdienst am Sonntag öffnen sich dann aber doch noch die Tore der Kirche

Von Manfred Amann, Jesenwang

Zum zweiten Mal hintereinander hat Corona den Willibaldritt in Jesenwang verhindert. Gegen den Willen vieler Pferdehalter in der Region, das Gelöbnis jedes Jahr wieder einzulösen, kommt jedoch das Virus offensichtlich nicht an. Martin Schmid, der Vorsitzende des Freundeskreises Sankt Willibald, hatte nach dem Wallfahrergottesdienst am Sonntag beide Tore der Willibaldkirche öffnen lassen und dies vorher in einem Rundspruch kundgetan. Damit war auch der traditionelle Durchritt durch die Kirche möglich, der für viele Reiter laut Schmid ein Muss ist, für manches Pferd aber eher eine Herausforderung bedeutet. Doch Schmid selbst geht beispielhaft voran. Und wie Leo Schmid, der jedes Jahr mitreitet und auch schon Kreuzreiter war, dürfen auch Kinder und Enkel auf dem Rücken der Tiere durch die Kirche reiten "Sozusagen auf dem kleinen Dienstweg habe ich davon erfahren und bin wie fast jedes Jahr in den vergangenen 20 Jahren hergeeilt" sagt Matthäus Hundeder aus Fahrenzhausen bei Freising. Auch heuer habe er sich wieder den Segen des Viehheiligen holen wollen. Mitgebracht hat er seinen Oberländer-Hengst Vestus.

Immer wieder kommen Reitergruppen über Feldwege an sattgrünen Wiesen, Getreide-, Kartoffel- oder Maisfeldern vorbei nahezu sternförmig aus allen Richtungen, um ihre geschmückten Tiere von Pfarrer Wolfgang Huber und Diakon Tomislav Rukavina segnen zu lassen. Etwa ein Dutzend Pferde reiten vom Stutenmilchgestüt Schwarz aus Mammendorf herüber. "Wir wollen auf den Segen für unsere Tiere nicht verzichten" erklärt eine Frau, und eine andere Reiterin erzählt stolz, kein Willibald-Fest versäumt zu haben, seit sie reiten kann. Immer wieder halten Autos und Radfahrer an, um sich die Pferde aus der Nähe anzusehen. Auffällig, dass wegen Corona Zuschauergruppen auf Distanz bleiben und bei Gesprächen mit Pferdehaltern Abstand gewahrt wird. Gaby und Marion Dietrich, schon seit etwa zwei Jahrzehnten Willibaldfreunde, sind gekommen, "um das Brauchtum zu bewahren". Ein Reiter fügt an: "Und uns schadet der Segen und das Weihwasser sicher auch nicht." Diana Leszinsky und Marina Willmann von der Reitanlage Adelshofen finden den Ritt zum Willibald reizvoll - "und den Segen zu bekommen sowieso". Auch vom Reitstall von Simone Mayr in Pfaffenhofen ist ein gutes Dutzend Reiter gekommen. Kreisheimatpflegerin Susanne Poller findet es toll, dass das Brauchtum trotz Corona lebt.

Vom Pferdehof Grafrath ist ein Kutschengespann angefahren, auf dem die Kommunionkinder aus Jesenwang Platz genommen haben. Insgesamt sind laut Gabriele Stark vom Vorstand des Freundeskreises Sankt Willibald gut 50 Reiter mit ihren Pferden gekommen, um das Gelöbnis trotz Corona zu erfüllen. Ein Höhepunkt des Willibaldfestes ist am Nachmittag eine Führung durch die Willibaldkirche, die Abt Johann II. vom Kloster Fürstenfeld im Jahr 1414 errichten ließ und die schon 1478 von Abt Jodok erweitert wurde, um mehr Platz für Wallfahrer zu schaffen. "Die Kirche steht nachweislich auf der Römerstraße", erklärt Elvira Zeh. "Ich mache solche Führungen sehr gerne, weil wir hier wirklich ein Juwel haben", sagt die 69-Jährige. Die in spätgotischem Stil als Saalbau erbaute Kirche wurde in der Barockzeit zwar weiß gekalkt, bei der Renovierung sei die ursprüngliche Farbigkeit jedoch wieder freigelegt worden. Ganz deutlich erkennbar als gotisches Merkmal ist das Kreuzrippengewölbe. Eine Rarität ist die mit 594 Blumen und 561 Sternen bemalte spätgotische Holzdecke. An der Nordwand konnte ein Teil eines nach Worten von Elvira Zeh bis heute rätselhaften Freskos freigelegt werden. In der von den Zisterziensern betreuten Kirche ist ein Franziskaner-Mönch vor einer Burganlage zu sehen.

© SZ vom 06.07.2021
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