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Jesenwang:Grauzone an der Startbahn

Der "Kreisel" mit 90 Metern Durchmesser, der im Norden der Start- und Landebahn des Jesenwanger Flugplatzes liegt, ist zentraler Bestandteil des Fahrsicherheitszentrums

(Foto: Dietmar Walch)

Seit mehr als drei Jahrzehnten üben neben dem Jesenwanger Flugplatz Auto-, Motorrad- und Kartfahrer. Die Beschwerde eines Anwohners bringt nun ein Versäumnis ans Licht: Es fehlt an der erforderlichen Genehmigung

Von Stefan Salger, Jesenwang

Der Flughafen ist so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal des kleinen Jesenwang. Tausende Besucher pilgern regelmäßig zu den Flugtagen, bei denen oben Doppeldecker und unten Autoklassiker zu bewundern sind. Kaum jemandem dürfte bei diesen Gelegenheiten die 90 Meter messende, kreisrunde Fläche im Norden der Start- und Landebahn auffallen. Nun aber rückt der Kreisel als Bestandteil eines Testgeländes in den Blickpunkt. Denn dessen Nutzung ist umstritten. Die Beschwerde einiger Anwohner aus dem etwa einen Kilometer entfernten Pfaffenhofen wegen quietschender Reifen brachte nach 30 Jahren ein Versäumnis ans Licht: Es fehlt die Betriebsgenehmigung.

Ob die mit einiger Verspätung noch erteilt werden kann, darüber diskutierte jüngst der Gemeinderat Jesenwang. Ein Lärmgutachten des Betreibers liegt bereits beim Landratsamt als Aufsichtsbehörde - es soll belegen, dass es wenig Grund zur Beanstandung gibt. Alle Beteiligten versichern, ihnen liege viel an einer Einigung im Guten. Details freilich müssen noch geklärt werden. Zumal das Familienunternehmen, das Fahrsicherheitsgelände und Flughafen betreibt, auf ausreichend Spielraum pocht, um einen wirtschaftlichen Betrieb sicherstellen zu können.

Dietmar Walch, eines der vier Geschwister, räumt unumwunden ein, sein mittlerweile verstorbener Vater habe es versäumt, beizeiten eine Genehmigung für die Nutzungsänderung einzuholen. Genehmigt ist seit 1973 der Betrieb als Reifentestbahn - durch zügiges Fahren mit veränderten Radien lässt sich die Haftgrenze verschiedener Gummimischungen gut vergleichen. Ein Reifenhersteller entwickelte am Rande des Flugplatzes neue Modelle. Ohne vernehmliches Quietschen im Grenzbereich der Haftung gehen Tests nicht ab. Bereits Mitte der Achtzigerjahre war damit aber Schluss. Seither finden auf dem Gelände Fahrsicherheitstrainings für Auto- und Motorradfahrer statt, zudem werden dort Sachverständige des TÜV ausgebildet und Betriebe schicken Mitarbeiter, dass die dort ihren Staplerführerschein machen. Auch Feuerwehr und Rotes Kreuz üben ab und zu - ohne dafür zahlen zu müssen, wie Dietmar Walch betont. Und dann sind da die Kinder und Jugendlichen, die ab und zu mit Karts trainieren. Bekannt wurde der Standort Jesenwang durch die etwa 20-köpfige Studentengruppe der Technischen Universität, die an manchen Wochenenden mit Laptops und Prototypen anrückt, um die Grenzen des autonomen Fahrens auszuloten. Vor einem Jahr haben "die Burschen", wie Walch sie nennt, erneut den von Elon Musk ausgeschriebenen Hyperloop-Wettbewerb in Los Angeles gewonnen. Der Hyperloop soll einmal den Personen- und Gütertransport revolutionieren - die Technik ähnelt jener der Magnetschwebebahn. Kapseln sollen in einer Röhre im Vakuum wie eine Art Rohrpost unterwegs sein. Das Fahrzeug namens Pod erreichte in der Röhre in den USA 463 Stundenkilometer. In Jesenwang geht es nicht um Tempo, da laufen die Tests ohne Röhre im Schneckentempo und Stop-and-Go ab.

Benutzt wird das Testzentrum auch für Filmaufnahmen. Rapper drehen Musikvideos und letztens war Fußballstar David Alaba da, um einen Clip für das Videospiel "Need for Speed" aufzunehmen, in dem er in einem Sportwagen auf der Startbahn und im Kreisel unterwegs ist. Ansonsten wird der Platz ein- bis zweimal im Jahr für Tuningtreffen genutzt. Ganz selten werde es kurz mal laut, räumt Walch ein. Etwa dann, wenn für Aufnahmen eine schwere Limousine "zweimal kurz aufreißt". Man bemühe sich aber, auf alle Anwohner der nahen Siedlungen Rücksicht zu nehmen. In jedem Fall, versichert Walch, sei der Betrieb leiser als das Reifentestzentrum.

Flugplatz mit Ampel

Seit dem 11. Mai ist der kleine Flugplatz zwischen Jesenwang, Pfaffenhofen und Adelshofen unter Hygieneauflagen wieder geöffnet. Nach der Schließung des Flugplatzes in Fürstenfeldbruck hat er an Bedeutung gewonnen. Seit Eröffnung im Jahr 1963 gab es 1,7 Millionen Flugbewegungen, dabei wurden etwa 50 000 Fluggäste befördert. Seit 1967 wurden mehr als 1300 Piloten ausgebildet, davon fliegen derzeit etwa 120 als Kapitäne oder Co-Piloten auf großen Verkehrsmaschinen. Zu den regelmäßigen Flugtagen sind laut Homepage mehrere Hunderttausend Besucher gekommen. Der von den Kindern des Gründers Max Walch betriebene Flugplatz verfügt über eine originelle "Sonderausstattung": Weil die Abflugschneise die Ortsverbindungsstraße zwischen Jesenwang und Adelshofen kreuzt, müssen die Autos an der roten Ampel warten, wenn ein Flugzeug startet.

Zurzeit sind am Flugplatz etwa 120 Flugzeuge beheimatet, davon 40 Ultraleichtflugzeuge. Um Flugbewegungen an Sonn- und Feiertagen zu reduzieren, gelten Beschränkungen: keine Platzrundenflüge an Sonn- und Feiertagen; Startverbot für Flugzeuge ohne Lärmzeugnis; keine Einweisungsflüge; keine Test- und Überprüfungsflüge täglich zwischen 13 und 15 Uhr. slg

Wäre da nicht die fehlende Genehmigung für die bereits seit mehr als drei Jahrzehnten praktizierte Nutzung auf dem Gelände rund um den Flughafen. Und wäre da nicht vor allem ein früheres Gemeinderatsmitglied, für das ein vernehmlich quietschender Reifen in den späten Abendstunden der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der Jesenwanger Gemeinderat widmete sich zwei Stunden lang der Sache, die drei Beschwerdeführer hätten sich sehr sachlich mit zwei Walch-Brüdern unterhalten, sagt Bürgermeister Erwin Fraunhofer (CSU/Bürgergemeinschaft). Vor allem ging es darum, wie die "Lärmspitzen" reduziert werden und die Grenzwerte des Bundesimmissionsschutzgesetzes eingehalten werden können. Die Sondernutzung einfach so für 365 Tage im Jahr von sieben bis 20 Uhr zu genehmigen, kam für die Politiker deshalb nicht in Frage. Der Gemeinderat will die Nutzung auf dem Gelände an Samstagen auf sieben bis 18 Uhr und an Sonntagen auf neun bis 18 Uhr beschränken. Zudem soll der Betrieb nur noch durchschnittlich an jedem zweiten Sonntag erlaubt sein - maximal an drei Sonntagen im Monat. Walch erklärt sich zu Begrenzungen bereit und auch zum Verzicht auf Tests mit Rennfahrzeugen. Als einer der wenigen kritischen Punkte bleibt neben den allgemeinen Nutzungszeiten das Kartfahren. Die Gemeinde möchte das Training auf viermal pro Jahr limitieren - Dietmar Walch ist das zu wenig. Er warnt vor zu strengen Regelungen zulasten der Kinder und Jugendlichen.

Nachdem der Gemeinderat den Antrag der Walchs auf die umfassende Nutzungsänderung zunächst abgelehnt hat, wird die Stellungnahme des Landratsamts zum vorgelegten Lärmgutachten mit Spannung erwartet. Anschließend wird sich die Gemeinde erneut mit dem Thema befassen. Eine Entscheidung darüber, was wann auf dem Gelände erlaubt sein wird, dürfte frühestens im Herbst fallen.

© SZ vom 21.07.2020

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