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Islam und Weihnachten:Spitzbuben mit Granatapfelgelee

Serpil Önür mag Weihnachtsdekoration. An Heiligabend gibt es ein großes Fest, es ist ihr Hochzeitstag.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Lichter, der Glitzer und die Herzenswärme gefallen Muslimen an Weihnachten. Manche backen sogar Plätzchen

Weihnachten ist in überwiegend christlichen Ländern als Fest so bestimmend, dass auch Menschen kaum daran vorbeikommen, die keine Christen sind. So feiern viele Muslime die nicht-religiöse Seite mit. Sie schmücken Wohnung und Balkone mit Lichterketten und Sternen, und in vielen Familien gibt es kleine Geschenke, und wenn es nur wegen der Kinder ist. Dabei achten viele Muslime darauf, ihren Kindern zu erklären, was an Weihnachten zur christlichen Religion gehört, und wie sich das zum Islam verhält. Muslimische Moderatorinnen des "Elterntalk" im Landkreis haben sich dazu viele Gedanken gemacht. Bei dem Projekt der Aktion Jugendschutz sprechen Eltern mit anderen Eltern, die zu Moderatoren ausgebildet wurden, über Themen wie Mediennutzung oder Suchtgefahren, und auch über Feste und Religionen.

"Maria ist eine Königin im Paradis. Sie ist ein Vorbild für uns", sagt Safia Naili, die aus Algerien stammt und seit drei Jahren in Deutschland lebt. Die christliche Religion habe sie schon kennengelernt, als sie neun Jahre in Italien lernte. Im Koran wird nur eine Frau namentlich erwähnt; es ist Maria, die auf wunderbare Weise ein Kind empfängt, Jesus. Er gilt auch im Islam als Prophet, der letzte vor Mohammed. Weihnachten feiert Familie Naili nicht, aber in der Schule beteiligen sich die Kinder, wenn sich alle gegenseitig kleine Geschenke machten. Schon wegen des großen gegenseitigen Respekts der Religionen gehöre sich das, sagt Safia Naili. Wenn es gilt, Plätzchen in Schule oder Kindergarten mitzubringen, sind die Frauen dabei, und sie backen sie natürlich selbst.

Der Winter sei in Deutschland die schönste Jahreszeit, sagt Yildiz Kavun, eine Deutsche mit türkisch-arabischen Wurzeln. Die vielen Lichter, die Herzlichkeit, die spürbare Wärme, das gefällt vielen, die um den Tisch in der Fürstenfeldbrucker Elternschule sitzen. Safia Naili mag gerne, dass an den Weihnachtstagen die Familien Zeit füreinander haben, weil die meisten Leute nicht arbeiten und die Kinder nichts für die Schule machen müssen.

Yildiz Kavun versteht allerdings nicht, warum man den Kindern Lügengeschichten erzähle. Ihr Sohn, 4, habe jedenfalls gleich erkannt, dass etwas nicht stimmen könne mit der Geschichte vom Weihnachtsmann. "Es gibt doch keine fliegenden Hirsche", habe er gesagt. Und der Sohn der Ägypterin Eman Shaban erkannte, dass es sich bei dem Mann im Nikolausgewand, der in die Schule gekommen war, nicht um den echten Heiligen handelte. Die Begründung des Siebenjährigen: Der Mann trug Jeans unter seinem roten Mantel. Kavuns Sohn fragt nach einem Weihnachtsbaum, ihm gefallen die glitzernden Kugeln und die Lichter. Möglich, dass die Eltern ihm den Wunsch irgendwann erfüllen. Nuray Arslan, die den Elterntalk koordiniert, ist in München geboren und aufgewachsen. Sie hat zwei Kinder, acht und zehn Jahre alt. "Weihnachten machen wir quasi mit", sagt sie, "aber natürlich nicht das religiöse Fest." Besuche auf dem Christkindlmarkt findet die Familie schön. Geschenke bekämen die Kinder oft auch von deutschen Freunden.

Bei Familie Önür wird richtig groß gefeiert. Das liege daran, dass der 24. Dezember auch ihr Hochzeitstag sei, sagt Serpil Önür. Also kommen Eltern und Geschwister mit ihren Kindern. Önürs, die die Dönerecke am Brucker Viehmarktplatz betreiben, haben einen elfjährigen Buben. Es gibt einen kleinen Baum, mal künstlich, mal echt. An den hängt Serpil Önür Sterne und Kugeln sowie eine Lichterkette. Voriges Jahr war der Baum weiß, rosa und bordeauxrot geschmückt, heuer wird sie vielleicht andere Farben aussuchen. Auch Fenster und Wohnung werden dekoriert, und das kleine Bäumchen vor der Haustür bekommt eine Lichterkette. Es gibt Geschenke, "Kleinigkeiten", sagt sie. Zum Essen gibt es Raclette oder Fondue.

Die 46-Jährige ist in Fürstenfeldbruck geboren und in Emmering aufgewachsen. Als Kind sei in ihrer Familie an Weihnachten nicht gefeiert worden. Aber Nachbarn hätten oft Geschenke oder Plätzchen vorbei gebracht. Heuer hat sie zum ersten Mal selbst gebacken: Nougatkipferl, Kokosmakronen und Spitzbuben. Die sind mit selbstgemachtem Granatapfelgelee gefüllt. "Also doch ein bisschen orientalisch", sagt Serpil Önür und lacht. Dass Türken Weihnachten feierten, sei eher die Ausnahme. "Aber man muss die Feste feiern, wie sie fallen", sagt sie lachend.

Sinan, 42, ist in der Türkei geboren und lebt seit der Pubertät in Deutschland. Seine Frau ist türkischstämmig, in Deutschland geboren und hat auch die deutsche Staatsangehörigkeit. "Meine Frau liebt das", sagt Sinan über das Weihnachtsfest. Beide haben einen zweijährigen Sohn. Parfüm, Spielzeug, "alltägliche Geschenke" gebe es an diesem Tag, sagt Sinan. Er hoffe, dass auch er etwas bekomme, sagt er augenzwinkernd. Abends wird schön gegessen. Der Balkon leuchtet, weil er mit vielen Lichterketten geschmückt wird.

In vielen muslimischen Ländern ist dann Silvester ein wichtiges Fest, das groß und mit Geschenken gefeiert wird. Muslimische Kinder bekommen noch einmal Geschenke: An Bayram, dem Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadan, das auch als Zuckerfest bezeichnet wird. Im kommenden Jahr fällt es auf den 24. bis 26. Mai. Und auch anlässlich des Opferfestes wird gefeiert, kommendes Jahr Anfang August.

© SZ vom 24.12.2019
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