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Interview:Über die Lust am Verkleiden

Christine Wunderl

Christine Wunderl, Psychotherapeutin aus Maisach.

(Foto: Günther Reger)

Therapeutin Christine Wunderl über psychologische Aspekte des Faschings

Der Fasching der Saison 2016/2017 steuert an diesem Wochenende langsam auf seinen Höhepunkt zu. Am Sonntag beginnen im Landkreis die Umzüge, wie etwa im Maisacher Ortsteil Gernlinden, und es laufen immer mehr Maskierte herum. Welche psychologischen Motive hinter dieser Lust am Verkleiden stecken könnten, das wollte die Fürstenfeldbrucker SZ von Christine Wunderl wissen. Die Sozialpädagogin ist nicht nur Gemeinderätin der Grünen in Maisach, sondern hat als Familien- und Paartherapeutin auch Ausbildungen in Psychotherapie und sozialtherapeutischem Rollenspiel.

SZ: Frau Wunderl, was passiert an Fasching oder generell beim Verkleiden aus psychologischer Sicht?

Christine Wunderl: Wenn alle maskiert sind, geht es wilder zu. Es fallen die konventionellen Schranken, die gesellschaftlichen Normen. Man kann den ganzen Alltag vergessen, auch in eine andere Rolle schlüpfen . Ich glaube das ist auch der Unterschied zum Schwarz-Weiß-Ball, wo alles strenger abläuft: dass alle gelöster sind, sich eher trauen aus sich herauszugehen. Wenn alle maskiert sind, dann darf es einfach verrückt sein.

Was motiviert die Menschen dazu, sich zu verkleiden?

Ich glaube es gibt fünf verschiedene Gründe. Die einen wollen einfach mal anders sein, aus ihrer Rolle ausbrechen, irgendwelche Sehnsüchte ausleben und für sich selbst erfahren: wie geht es mir dabei. Die nächsten wollen mit ihrem Kostüm eher nach außen provozieren, die wollen wissen, wie reagieren die anderen. Andere - wohl vor allem Frauen oder gibt es auch Männer, die sich sexy verkleiden? - ziehen ein neckisches Kostüm an, die Krankenschwester im Minirock oder Nonne mit Strapsen oder etwas in Richtung Kindchenschema wollen mit ihrer Verkleidung vor allem die Kontaktaufnahme erleichtern. Und dann gibt es noch die, die sich einfach maskieren, weil sie zu einem Zug oder Ball gehen. Und schließlich die Kreativen, die gerne basteln und einfach Spaß dran haben, etwas Verrücktes zu machen. Ich habe zum Beispiel mal einen gesehen, der hatte sich als Stehlampe verkleidet und die Lampe konnte man an und aus machen.

Das Spiel mit verschiedenen Rollen, sich einfach mal mit etwas ganz anderem auszuprobieren, ist das einfach nur lustig oder bereichert es die Persönlichkeit?

Auf jeden Fall ist das eine Bereicherung. Es gehört ja auch Mut dazu, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Es könnte zum Beispiel auch ein hässliches Kostüm sein oder etwas, in dem man nicht erkannt wird. Und plötzlich macht man ganz neue Erfahrungen.

Sind solche Erfahrungen auch für den Alltag wertvoll?

Ja. Denn der Mut, den man für eine Verkleidung aufbringen muss, bleibt ja erhalten. Er überträgt sich ins normale Leben. Und dieses sich-einmal-auszuprobieren, eine andere Person zu werden mit einer anderen Persönlichkeit, diese Erfahrungen aus dem Fasching können den Handlungsspielraum im Alltag erweitern.

Tendenziell scheinen Frauen mehr Freude am Verkleiden zu haben. Auch bei Kindern sind es eher die Mädchen, die in Mutters Kleiderschrank wühlen.

Ja, es gehört einfach dazu, dass Frauen mehr Interesse an Kleidung haben. Frauen sind ja auch sehr oft die Beraterinnen ihrer Männer, wenn es um das Aussehen geht. Das sieht man schon bei Kindern: Mädchen wollen Prinzessin sein, spielen ständig verkleiden. Jungs gibst du einen Fußball und sie sind zufrieden.

Die Faschingsvereine beobachten, dass wieder mehr Menschen kommen. Könnte das damit zusammenhängen, dass die Welt immer unsicherer wird?

AfD, Trump, die Krise in der EU: die ganze Situation ist total bedrohlich. Da braucht man einen Ausgleich und da ist Fasching eine gute Möglichkeit, den Alltag hinter sich zu lassen.

© SZ vom 25.02.2017

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