Inklusionsprojekt:Die Normalität leben lernen

In einer neu entstehenden Wohnanlage an der Cerveteristraße in Fürstenfeldbruck betreut die Arbeiterwohlfahrt Menschen mit unterschiedlichen psychischen Problemen

Von Ariane Lindenbach, Fürstenfeldbruck

Alexander O. hat psychische Probleme. Aufgrund einer Antriebsschwäche in Verbindung mit einer Angststörung hat der 54 Jahre alte Mann keine Arbeit, außerdem Schwierigkeiten mit Behörden sowie mit Alkohol und Drogen. Schon länger bekommt er deshalb Unterstützung von Sozialpädagogen der Arbeiterwohlfahrt. Betreutes Einzelwohnen heißt das im Fachjargon, wenn Personen mit psychischen Auffälligkeiten mit Hilfe einer sozialen Organisation eine Wohnung vermittelt bekommen sowie regelmäßig psychologische und sozialpädagogische Hilfe, die ihnen hilft, den Alltag zu bewältigen. Die Versorgung solcher Menschen liegt in der Zuständigkeit des Bezirks Oberbayern; er zahlt pro Person und Woche vier Stunden fachliche Betreuung, die Fahrzeit zählt mit Im Fall von Alexander O., den es in Wirklichkeit so nicht gibt, der aber exemplarisch für die Kunden der Awo im sozialen therapeutschen Wohnen stehen soll, wären das fast zwei wertvolle Stunden, die durch die Anfahrt von Fürstenfeldbruck an O.s Wohnort Althegnenberg verwendet werden. Für die Beratungsgespräche mit vielen wertvollen Tipps für den Alltag bleiben nur noch gute zwei Stunden übrig.

Man muss kein Experte sein, um einschätzen zu können, dass das nicht besonders viel ist. Deshalb verwundert es nicht, dass Klaus Sitte und seine derzeit vier Kolleginnen und Kollegen so voller Begeisterung sind für das neue Wohnprojekt der Awo Oberbayern, das aktuell an der Cerveteristraße in Fürstenfeldbruck entsteht. Die ersten zehn Bewohner mit psychischen Probleme haben bereits ihre Ein-Zimmer-Wohnung in dem Wohnkomplex mit mehreren Gebäuden bezogen, den die Igewo GmbH im Brucker Norden errichtet. Bei diesem neuen Inklusionsprojekt ist alles ganz zentral beisammen: Die Betreuer, die Nachbarn, die wichtigsten Ämter. Somit entfallen Fahrtzeiten weitgehend, die wöchentlich vier Betreuungsstunden pro Person können allein wegen der räumlichen Lage voll genutzt werden.

Inklusionsprojekt: Großprojekt mit integrativem Ansatz: Die neue Wohnanlage der Igewo, die derzeit an der Cerveteristraße in Fürstenfeldbruck entsteht, soll nicht nur für Menschen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen ein neues Zuhause werden. Sondern auch für Menschen mit psychischen Problemen.

Großprojekt mit integrativem Ansatz: Die neue Wohnanlage der Igewo, die derzeit an der Cerveteristraße in Fürstenfeldbruck entsteht, soll nicht nur für Menschen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen ein neues Zuhause werden. Sondern auch für Menschen mit psychischen Problemen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Aber das ist bei diesem "inklusiven Leuchtturm Projekt", wie Einrichtungsleiter Sitte es nennt beinahe nur ein eine nette Begleiterscheinung. Zumal man mit dem Bezirk Oberbayern angesichts des neuartigen Projekts einen besseren Betreuungsschlüssel aushandeln konnte: Sechs Stunden pro Woche können Sitte und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nun pro Bewohner aufbringen. "Damit können wir die Betreuungsleistung deutlich hochfahren", unterstreicht der Sozialpädagoge. Was das Projekt außerdem zu etwas wirklich Neuem, im Landkreis bislang nicht vorhandenen macht, ist der Inklusionsgedanke, der konsequent verfolgt wird. So gibt es keinen besonderen Hinweis darauf, dass an der Cerveteristraße künftig auch Menschen mit psychischen Problemen wohnen, die Unterstützung von den Sozialtherapeutischen Einrichtungen der Awo erhalten. "Das ist ganz was Neues", betont Sitte, "mit diesem Projekt werden die Grenzen zwischen ambulant und stationär aufgelöst."

Die Awo-Klienten wohnen einfach mit in dem aus insgesamt sechs Wohnblöcken mit etwa 100 Wohnungen bestehenden Gebäudekomplex, die Nachbarn werden nicht explizit darauf hingewiesen. "Da steht nicht Awo am Klingelschild", betont Sitte. Überhaupt lege der Bauherr Igewo, der übrigens von sich aus vor etwa vier Jahren auf die Arbeiterwohlfahrt zukam und einen sozialen Träger für ein derartiges Inklusionsprojekt suchte, großen Wert auf ein möglichst diverses soziales Milieu in den Häusern. "Das ist relativ gut durchmischt" unterstreicht Sitte. Neben einem recht großen Anteil an EOF-Wohnungen, also einkommensorientiert geförderten Wohnungen, würden dort auch Menschen mit mittlerem Einkommen einziehen.

Inklusionsprojekt: Das Quartierswohnzimmer nutzen pandemiebedingt vor allem Klaus Sitte und seine Kolleginnen Barbara Wenzl und Julia Danisch.

Das Quartierswohnzimmer nutzen pandemiebedingt vor allem Klaus Sitte und seine Kolleginnen Barbara Wenzl und Julia Danisch.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Awo verfügt dort zudem über Büroräume, eine Gemeinschaftsküche sowie einen Gruppenraum, der auch von anderen Bewohnern das Komplexes gemietet werden kann, "unser Quartierswohnzimmer", nennt ihn Sitte. Der Raum ist barrierefrei und soll das Kennenlernen erleichtern. Wegen der Pandemie muss jedoch die ursprüngliche Idee, eigene Veranstaltungen wie etwa einen Seniorentreff anzubieten, vorerst warten. Vielleicht kann man ja im Juli, wenn die letzten drei Wohnungen der Awo dort bezogen werden, wieder mehr Kontakte wagen.

© SZ vom 24.03.2021
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