Inklusion 8000 Kilometer zum Abitur

Der Puchheimer Robin Zimmermann ist einer der wenigen Schüler mit Behinderung, die sich für ein Auslandsjahr entscheiden. Seine neue Schule in Kanada ist bestens auf ihn vorbereitet. Dort will er auch seinen Abschluss machen will

Von Julia Bergmann, Puchheim

Während viele von Robin Zimmermanns Freunden lediglich eine kurze Fahrt mit dem Bus in Kauf nehmen mussten, um das Schuljahr zu beginnen, bringt es der 17 Jahre alte Puchheimer auf eine Anreise von über 8000 Kilometern. Robin Zimmermann besucht eine High-School im kanadischen Ort Mission. Aus dem zunächst geplanten Auslandsjahr sind mittlerweile drei geworden. Wenn der junge Mann lebhaft von den Eigenheiten der Kanadier, dem frühmorgendlichen Zusammentreffen mit einem Bären oder so ausgefallenen Schulfächern wie Family Studies und Hiking spricht, vergisst man schnell, dass es an seiner Geschichte eine Besonderheit gibt. Robin hat eine Cerebralparese, eine Hirnschädigung, die bei ihm zu einer Bewegungsstörung der Beine führt. Der Puchheimer erzählt seine Geschichte auch deshalb, weil er anderen in seiner Situation Mut machen will. Seine Mutter Claudia Zimmermann bringt es auf den Punkt: "Ein behinderter Mensch der ein Auslandsjahr macht, ist keine Selbstverständlichkeit."

Laut einer Marktanalyse der deutschen Stiftung Völkerverständigung bieten viele Austausch-Organisationen mittlerweile ihre Unterstützung bei der Vermittlung von Schülern mit Behinderung an. Auf vielen Homepages und Internetforen zum Thema Schüleraustausch wird aber auch empfohlen, dass sich Jugendliche mit Behinderung möglichst früh für ein Auslandsjahr bewerben. Denn die Suche nach passenden Gastfamilien nimmt häufig viel Zeit in Anspruch. Die Agenturen müssen Gasteltern finden, die in einem behindertengerechten Haus und nahe an einer Schule mit barrierefreien Zugängen leben. Voraussetzungen, die nicht an jedem Ort erfüllt werden können. "Mir wurde Kanada nahegelegt", erklärt Robin. Kanada, das Land, das häufig als Vorbild für gelebte Inklusion an Schulen genannt wird.

Ein Faible für Kanada (von links): Klaus Rubik, Robin Zimmermann und Claudia Zimmermann halten große Stücke auf die Inklusion in den Schulen des nordamerikanischen Landes.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Dass der Mythos vom barrierefreien Kanada mehr ist als nur schöne Worte, davon konnte sich Robin schon bald selbst überzeugen. Seine Gasteltern waren schnell gefunden. Das kanadische Ehepaar und ihre drei Söhne kümmerten sich bereits um einen engen Freund der Familie, der ebenfalls körperlich eingeschränkt ist. Bedenken, Robin bei sich aufzunehmen, gab es deswegen bei ihnen nicht. "Die Kanadier gehen damit allgemein offener um", sagt Robin. "Dort ist es nicht so etwas Besonderes, es ist normal", meint er. Allein an seiner Schule gibt es etwa 20 Jugendliche mit Handicap. Blicke? Klar, die gebe es in Kanada auch. Aber sie sind anders als in Deutschland. In Deutschland falle er mehr auf. Die Kanadier schauen zwar, "aber sie fragen auch viel mehr nach", sagt er. Sie wollen wissen, welche Behinderung Robin hat und wodurch sie bedingt ist. Sie fragen nicht lange nach, wenn sie sehen, dass er Hilfe braucht, sondern helfen einfach. "Sie sagen sich, was hab ich zu verlieren? Warum soll ich nicht auf ihn zugehen?" Eine Erfahrung die für Robin äußerst ungewohnt, aber sehr angenehm war, denn der junge Mann sieht es so: "Ich find's schön, wenn mich jemand fragt, weil ich dann alles erklären kann."

An seinem Puchheimer Gymnasium war das zwar ähnlich. Aber außerhalb der Schulmauern? "Eher nicht", sagt Robin. Und dann gibt es noch ein paar große Unterschiede. Alle öffentliche Gebäude in Kanada sind laut Robin barrierefrei. "In Deutschland gibt es verglichen damit ein paar Sachen, an denen man noch arbeiten könnte", sagt er. An Bahnhöfen etwa, oder an der Innenausstattung von Bussen, in denen es für Menschen mit Behinderung nicht immer leicht ist, sich festzuhalten. Manchmal ist schon das Einsteigen ein Problem. "Barrierefreiheit ist nicht nur für Menschen mit Behinderung wichtig, sondern auch für Mütter mit Kinderwagen", sagt der Puchheimer.

Robins Vater Klaus Rubik

"Uns war relativ schnell klar, dass es Robin dort sehr gut gefällt. Wir haben gemerkt, dass ihm das Auslandsjahr gut tut."

Weil Robin sich in Kanada aufgenommen und akzeptiert fühlt, entschied er sich sehr schnell dafür, seinen Schulabschluss in dem Land zu machen, das bald zu seiner zweiten Heimat wurde. Statt einem Jahr also drei Jahre kanadische Highschool, statt zurück nach Puchheim nun weiter nach Mission. "Uns war relativ schnell klar, dass es Robin dort sehr gut gefällt", erzählt sein Vater Klaus Rubik. "Wir haben gemerkt, dass ihm das Auslandsjahr gut tut." Für Robin ist es ein wichtiger Schritt in Richtung Erwachsenwerden und Selbständigkeit. Nachdem die Familie geklärt hatte, dass Robins Abschluss auch in Deutschland anerkannt wird, und nachdem auch die Gasteltern eingewilligt hatten, war klar, dass der 17-Jährige bleibt. Er wird in Kanada weiter einzigartige Erfahrungen sammeln.

Irgendwann soll es aber wieder zurückgehen in die alte Heimat. Denn es gibt auch Dinge, die Robin vermisst. "Organisation läuft in Deutschland tausendmal besser", sagt er. Für alles gibt es einen Plan B und C. Und dann war da noch die Sache mit den Bären, von der Robin unter lautem Lachen erzählt. Frühmorgens in Mission saß er im Garten und ahnte nichts Böses. Da kam ein riesiger Bär plötzlich aus den Büschen in den Garten getrottet. "Ich bin schnell nach drinnen und hab die Türen verriegelt", sagt Robin. "In Deutschland gibt es Mückensprays, in Kanada Bearsprays." So ist das eben im hohen Norden. Vermissen wird er die Bären wohl nicht. Vieles andere aber schon.