Informationsveranstaltung Von außen sieht man nichts

Wie wirkt sich häusliche Gewalt auf Kinder aus. Das hat Sandra Dlugosch (stehend) in ihrer Doktorarbeit untersucht. Jetzt stellte sie die Ergebnisse im Brucker Lichtspielhaus vor.

(Foto: Matthias Döring)

Wenn Kinder Zeugen häuslicher Gewalt werden, fehlen ihnen meist die Worte für das Erlebte. Ein Themenabend zum "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen" hat jetzt auf das noch weitgehend unerforschte Thema aufmerksam gemacht

Von Eva Runkel, Fürstenfeldbruck

Etwa jede dritte Frau ist in irgendeiner Form von häuslicher Gewalt betroffen, auch im Landkreis Fürstenfeldbruck. Allein im vergangenen Jahr führte der Frauennotruf des Vereins "Frauen halfen Frauen" um die 600 Beratungen durch. Ende November macht alljährlich ein "Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen" auf das Problem aufmerksam. Im Lichtspielhaus Fürstenfeldbruck ging es in diesem Jahr auch um die betroffenen Frauen, vor allem aber um die Kinder, die Gewalt zwischen den Eltern miterleben.

Den Folgen für die Identitätsentwicklung von Kindern, die Zeugen häuslicher Gewalt werden, hat sich Sandra Dlugosch in ihrer Doktorarbeit gewidmet. Die 40-Jährige hat Soziale Arbeit studiert und im Fach Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München promoviert. Heute arbeitet sie als Bereichsleiterin beim Sozialdienst katholischer Frauen in München. Dabei erlebt sie, dass Gewalt an Frauen und Kindern "ein alltägliches Thema" ist, also täglich vorkommt.

Für ihre Doktorarbeit forschte sie viel über Kindsmisshandlung. Weil es aber kaum Forschung "über Kinder gibt, die Gewalt zwischen den Eltern bezeugt haben", wie sie sagt, führt sie unter anderem Interviews mit Jugendlichen durch, die in ihrer Kindheit davon betroffen waren. In ihrem Vortrag gibt sie Zitate aus den Gesprächen wieder. "Ich könnte Ihnen zwar viel erzählen, aber am besten erklären es die Jugendlichen mit ihren eigenen Worten", sagt Dlugosch. Die Worte sind genauso aufgeschrieben und werden von der Referentin so vorgetragen, wie die Jugendlichen sie geäußert haben. Man hört, wo sie gestockt oder wo sie nach den richtigen Wörtern gesucht haben. Zusätzlich gibt Dlugosch kleine Einblicke in die Geschichte und Situation der einzelnen Befragten. Obwohl es nur kurze Ausschnitte sind, spiegeln sie die emotionale Situation der Jugendlichen wider. Das Gefühl der Hilflosigkeit und auch Wertlosigkeit, das viele von ihnen erfahren.

Anhand der Aussagen und auch basierend auf Erfahrungen aus der Arbeit mit Kindern erklärt Dlugosch, welche Auswirkungen Gewalt im Elternhaus auf die Entwicklung von Kindern haben kann und wie es sich auf ihr Verhalten auswirkt. "Manche ziehen sich komplett zurück und versuchen, vollkommen angepasst zu sein, andere haben zum Beispiel Wutausbrüche. Man sieht, dass etwas nicht stimmt". Gerade für Kinder sei es oft schwer, Hilfe zu suchen, betont Dlugosch. Oft hätten sie das Gefühl, sie würden ihre Familie verraten oder ihre familiäre Situation sei ein Geheimnis. Verschiedene Zitate bestätigen das. Es sei wichtig, nachzufragen, wenn man Auffälligkeiten bemerkt, und auch zu akzeptieren, wenn es die Betroffenen erst abstreiten. "Wenn sich jemand öffnet, sollte man ihm auf jeden Fall erst einmal glauben und sich für das Vertrauen bedanken", rät sie den Zuhörern.

Während ihres Vortrags bezieht sich Dlugosch immer wieder auf den Kurzfilm "Der Wutmann", der zu Beginn auf der großen Kinoleinwand gezeigt wurde. Der Animationsfilm erzählt die Geschichte von Boj, einem sechsjährigen Jungen. Wenn sein Vater sich in "den Wutmann" verwandelt und seine Mutter schlägt, wird er aus dem Zimmer geschickt. Trotzdem bekommt er es mit und sucht die Schuld dafür bei sich selbst. Nach den Wutausbrüchen ist sein Vater besonders lieb zu ihm und überhäuft Boj und seine Mutter mit Geschenken. Doch der kleine Junge kann nicht vergessen, dass die kleinste Unachtsamkeit wieder den "Wutmann" hervorbringen kann. In Bojs Fall nimmt die Geschichte ein gutes Ende, da er sich an den "König" wendet und dieser seinem Vater Hilfe anbietet, um den "Wutmann" in ihm zu bezwingen. Bojs Schicksal repräsentiert das vieler Kinder, doch nicht alle finden auf seine Weise einen Ausweg. "Es ist wichtig, dass man hinschaut, hinhört", rät Dlugosch. Denn es ist so, wie auch Boj feststellt, als er sein Zuhause inmitten der anderen Häuser betrachtet: "Von außen kann ich nichts sehen".