Lesung in EichenauFür ein neues Fundament zwischen West und Ost

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Die gebürtige Dresdnerin Ines Geipel ist 1989 aus der DDR geflohen. Seit 2001 ist die Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“
Die gebürtige Dresdnerin Ines Geipel ist 1989 aus der DDR geflohen. Seit 2001 ist die Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ (Foto: Carmen Voxbrunner)

Bei einer Lesung aus ihrem Buch „Fabelland“ fordert Ines Geipel eine Neuerzählung der ostdeutschen Geschichte und betont die Notwendigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Von Elisabeth Grossmann, Eichenau

Doppeldiktatur ist ein Wort, dass die Schriftstellerin Ines Geipel häufig nutzt. Bei einer Lesung aus ihrem neuen Buch „Fabelland“, veranstaltet von der SPD Eichenau, erklärt die 64-Jährige, dass ehemalige DDR-Bürger zweimal beherrscht wurden. Zuerst vom Naziregime, dann von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Keinesfalls wolle sie mit dem Begriff das Ausmaß oder die Art der beiden Diktaturen in Relation stellen. Für die Berlinerin ist jedoch klar, dass die ostdeutsche Gesellschaft, anders als die westdeutsche, 56 Jahre lang unter einer Zwangsherrschaft litt.

Geipel zufolge ist diese Tatsache der Grund dafür, dass Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt immer noch nicht vollständig vereint ist. „Wir haben diese beherrschte Gesellschaft nicht verstanden, nicht erklärt und nicht aufgearbeitet“, so die Berlinerin. Mit ihrem Buch will Geipel aufzeigen, dass die Geschichte der Ostdeutschen neu erzählt und richtig gestellt werden müsse. Dieser Ansatz stößt bei den 40 Zuhörern der Lesung auf Neugier und Applaus.

Etwa die Hälfte der Gäste, die sich im kleinen Saal der Eichenauer Friesenhalle versammeln haben, hat eine persönliche Verbindung zur DDR. Dies fragt Geipel direkt zu Beginn ihrer Lesung per Handzeichen ab. Anschließend erzählt die 64-Jährige von ihrer Kindheit und Jugend in Ostdeutschland. Die gebürtige Dresdnerin war Leistungssportlerin in den Bereichen Weitsprung und Sprint. Als junge Erwachsene wurde sie sogar in die DDR-Nationalmannschaft aufgenommen. Allerdings wurde sie 1985 wieder ausgeschlossen, als sie nach einem Fluchtversuch in den Westen in politische Ungnade fiel. Geipel studierte anschließend Germanistik in Jena und floh im Sommer 1989 endgültig über Ungarn aus der DDR nach Westdeutschland. In Darmstadt studierte die Schriftstellerin erneut Philosophie und Soziologie. Seit 2001 ist Geipel Professorin für Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Mittlerweile veröffentlichte die Schriftstellerin mehr als 20 Bücher, in denen sie sich hauptsächlich mit dem Nationalsozialismus und der DDR-Diktatur beschäftigt.

„Wo komme die viele Wut und der Zorn her?“ Diese Frage war Geipel zufolge das Motiv für ihr neues Buch „Fabelland“. Sie habe gemerkt, dass die Wiedervereinigung zunehmend negativ präsentiert und wahrgenommen werde und immer mehr Menschen sich kritisch zu ihr äußern. Eine Erklärung dafür fand die 64-Jährige in der öffentlichen sowie medialen Darstellung: „In der ostdeutschen Bevölkerung herrscht ein starkes Gefühl von Ungerechtigkeit und Zorn, das vor allem durch falsche und emotionalisierte Erzählungen entstand“. Ihr zufolge wurden Ereignisse, beispielsweise der Mauerfall, falsch dargestellt. Dieser sei nicht nur ein Moment großer Euphorie und Hoffnung gewesen, sondern ging für viele Ostdeutsche mit Verlust, Entwurzelung und Unsicherheit einher. Die historischen Gegebenheiten um die Wiedervereinigung würden verzerrt.

Ines Geipel hat mehr als 20 Bücher geschrieben.
Ines Geipel hat mehr als 20 Bücher geschrieben. (Foto: Carmen Voxbrunner)

Das löse bei nachfolgenden Generationen negative Emotionen aus, die in Form von Wutliteratur sichtbar werden, Wahlentscheidungen beeinflussen, oder das deutsch-deutsche Zusammenwachsen behindern. Geipel sagt, dass viele junge Menschen sich verantwortlich fühlen, im „Familienauftrag ihrer benachteiligten Vorfahren“ zu wählen. „In Thüringen haben sich 28 Prozent der Erstwähler für die Alternative für Deutschland (AFD) entschieden“, so die Berlinerin, „weil sie denken, dass ihre Großeltern und Urgroßeltern Ungerechtigkeit erfahren haben.“ Diesen Zustand nutzen Parteien wie die AFD aus, so die 64-Jährige. In „Fabelland“ geht die Autorin Kapitel für Kapitel an gängigen Erzählungen entlang und versucht abzubilden, wie die Geschichte tatsächlich abgelaufen ist. „Wir müssen fragen, was wirklich passiert ist und den Einheitsprozess entmythologisieren“, sagt die Berlinerin.

Diese Herangehensweise stößt im Publikum auf Begeisterung. Die Zuhörer applaudieren und nicken eifrig. Geipel verfolgt in ihrem neuen Buch jedoch noch einen weiteren Ansatz. Sie sagt: „Abgesehen von den vielen, realitätsfernen Darstellungen haben wir Deutschen es nicht geschafft, uns gegenseitig von unseren individuellen Schicksalen zu erzählen.“ Insbesondere die ostdeutsche Bevölkerung hätte der Berlinerin zufolge von ihren „doppelten Diktaturtrauma“ erzählen müssen, um von den Westdeutschen verstanden zu werden. „Mit der Wiedervereinigung trafen zwei völlig divergierende Gesellschaften aufeinander. Wir waren alle deutsch, haben die gleiche Sprache gesprochen und waren doch so unterschiedlich“, sagt Geipel. Aus der Unwissenheit seien gegenseitige Schuldzuschreibungen und Unverständnis gewachsen, die alle Deutschen nun loslassen sollen. Die 64-Jährige sagt: „Wir müssen uns kritisch mit unseren Geschichten auseinandersetzten und ein historisches Fundament schaffen.“

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