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Hörenswertes Konzert in Fürstenfeldbruck:Freigeist am Piano

Sternstunde im Veranstaltungsforum: Das Trio mit (von links) Franz von Chossy, Johannes Fend und Kristijan Krajncan

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Franz von Chossy tanzt an den Rändern stilistischer Vollkommenheit und wechselt von Klassik zu Folklore zu Jazz zu Blues

Franz von Chossy ist ein Freigeist. Ein musikalischer Freigeist. Für ihn scheinen stilistische Mauern einzig zu bestehen, um diese mit Geschick und Erfindungsreichtum zu überwinden. Einfach weil der Pianist voller Neugierde ist und sich die Frage stellt, was sich wohl hinter den proklamierten Sperrzonen an Unentdecktem befindet. Wie es sich wohl anhören mag, im Bereich des Jazz zu improvisieren und dabei den Zaun zur Klassik zu übersteigen. Oder von den notierten Vorgaben der Klassik in die Vorgärten der Folklore, gleich welcher geographischen Provenienz, zu stürmen - um von dort, vielleicht in einer Art Rückwärtssalto, die Geschichte des Blues mit leichter Hand zu zitieren. Es kommt einem musikalischen Manöver gleich, wie von Chossy scheinbare Prinzipien überwindet und Dank seiner kreativen Angriffslust zu völlig eigenem Spielsystem gelangt.

Das einzige, was der in München geborene und heute in Amsterdam lebende Instrumentalist für diesen Tanz an den Rändern stilistischer Vollkommenheit an Hilfsmitteln benötigt, ist sein Trio. Johannes Fend (Bass) und Kristijan Krajncan (Drums, Cello) waren am Mittwoch seine Begleiter, als der Pianist das Publikum in Fürstenfeld positiv verführte und mit diesem ersten Konzert der 2020er Saison die qualitative Messlatte für die kommenden elf Monate gewaltig nach oben legte.

Mit schönen Melodien, mächtigen Harmonien und treibenden Rhythmen spielte dieses Trio eine Musik, die voller Unwägbarkeiten steckte. Und auch wenn Franz von Chossy an seinem Instrument zu außergewöhnlichen Fähigkeiten in der Lage ist - das Besondere an diesem Musikabend war das perfekte Ineinandergreifen von Stimmungen, Gedanken und Inspirationen aller drei Musiker.

Von Beginn an war die Musik im Fluss, griff ein instrumentales Rädchen ins nächste, fand jede Form des klanglichen Ausdrucks eine Art kreatives Echo. Diskret, aber trotzdem intensiv.

Franz von Chossy hatte dabei die Fäden fest in seinen Händen. Es waren seine Kompositionen, die manchmal einen Hauch Debussy verströmten und dann wieder an Keith Jarretts Standardtrio erinnerten. Die Stücke waren Teil des letzten Albums "Life Theater", einer Sammlung von Songs, die das Leben beschreiben, so wie es der Pianist erlebt, erfühlt hat. Nicht nur die Thematik besaß etwas Impressionistisches. Auch die einzelnen Stücke ("Inner Child", "Imaginary Friend" oder "Fragile Glory") klangen wie kurze, flüchtige Momentaufnahmen. Begebenheiten, denen die Band einen eigenen Klang gibt, einen unverwechselbaren, sehr emotionalen Soundtrack anträgt.

Im gesamten Konzert war ein Wechsel von stark emotionalen, melancholischen Stimmungsbildern hin zu packenden, intellektuell herausfordernden Momenten zu spüren. Durch diese augenscheinlichen Gegensätze atmete die Musik, bekam sie eine vitale wie auch individuelle Note. Die zeigte sich hin und wieder in sehr vertrauten Interaktionen, wie man sie im Umfeld von Klaviertrios nun einmal erlebt. Aber dann auch wieder sehr frisch und neu und ungehört. Man könnte das Programm auch als eine Art Gratwanderung zwischen Spätromantik und Impressionismus, zwischen klassischer Klaviertradition, wie sie dem Jazz eigen ist, und herausfordernder Improvisation, zwischen konfrontativer Spannung und Konsens anstrebender Musikalität einordnen.

Man möchte tatsächlich keinen der Instrumentalisten herausstellen. Weder den unablässig agierenden, den Rhythmus vorantreibenden wie Rhythmen aufbrechenden Schlagzeuger, noch den innovativen, virtuos wie feinsinnig agierenden Bassisten. Dafür war die Band zu kompakt, zeigte sich das Trio zu geschlossen, zu verwachsen und zu dichtmaschig - selbst in den ausgelasseneren Momenten dieses wunderbaren Auftritts.

© SZ vom 18.01.2020
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