Hobby Ergraute Leidenschaft

Wenn sich Briefmarkensammler treffen, wird eigentlich nicht mehr getauscht. Die vorwiegend alten Herren versuchen vielmehr, ihren Bestand zu verkaufen

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Dicke Briefmarkenalben liegen dicht aneinandergereiht auf den Tischen im großen Orlandosaal. Ältere Herren sitzen davor und blättern in den Alben. Hinter den Tischen sitzen noch ältere Menschen und hoffen darauf, dass ihnen jemand etwas abkauft. "Jeder will sein Zeug weghaben", sagt ein ergrauter Verkäufer aus der Nähe von Regensburg. Eine Tauschbörse, so der offizielle Titel der Veranstaltung der Germeringer Briefmarkenfreunde, sei dies schon lange nicht mehr; das Verkaufen stehe eindeutig im Vordergrund.

Es ist wahrlich viel Zeug, das zum Verkauf steht.

(Foto: Günther Reger)

Es ist wahrlich viel Zeug, das zum Verkauf steht. 50 Aussteller haben sich in Germering eingefunden. Viele Besucher sind am späten Sonntagvormittag nicht auszumachen, schon gar kein Gedränge vor den Ständen. "Wir bauen unseren Bestand langsam ab", sagt Gertrud Ossenbrüggen. Der Bestand liegt auf fünf Tischen ausgebreitet. Sie ist mit ihrem Ehemann Gerhard aus dem schwäbischen Oberkochen angereist. Beide sind 83 Jahre alt. Seit gut 60 Jahren sammeln sie Briefmarken. Auf zehn Veranstaltungen gehen sie jedes Jahr. "Da trifft man immer die Gleichen, man kennt sich", sagt Gertrud Ossenbrüggen. Viel verkauft haben sie heute noch nicht. Noch haben sie Hoffnung, dass das Standgeld wieder reinkommt. Was aus ihrer großen Sammlung mal wird? Achselzucken. Die Kinder und Enkel hätten kein Interesse. So geht es den meisten Sammlern im Saal. Auch einem Münchner, der immer auf dem großen Flohmarkt in München-Daglfing seinen Stand aufbaut. Seine große Hoffnung: "Meine wertvolle Sammlung mit Marken bis 1899 will mein Sohn weiterführen, hat er mir versprochen."

Viele Sammler wie Lothar Hollrieder suchen für ihre Briefmarken Käufer.

(Foto: Günther Reger)

Die Preise für die Briefmarken scheinen nicht sehr hoch zu sein. "Komplette Jahrgänge postfrisch DDR zu 3,50 Euro", steht auf einem Plakat zu lesen; oder "Je Briefmarke fünf Cent". Es gibt aber auch teure Marken. "Ich habe vor einer Viertelstunde eine Briefmarke für 125 Euro verkauft", erzählt Horst Klepper zufrieden. 45 Alben liegen vor ihm auf den Tischen. Er ist nicht spezialisiert, er sammelt Briefmarken aus der ganzen Welt. "Das ist mein Hobby", sagt der 79-Jährige, der einst im Außendienst für eine technische Firma tätig gewesen ist. Seine teuersten Marken schätzt Klepper auf 300 bis 400 Euro. Norbert Prummer, dVorsitzender der Germeringer Briefmarkenfreunde, hat selbst auch einen großen Stand. Auch er bietet Briefmarken aus der ganzen Welt an. Seit fünf Jahren gibt es diese Veranstaltung in Germering. Prummer ist mit der Resonanz zufrieden. Der Aufwand sei enorm. Viel Geld komme nicht in die Kassen des Vereins, sagt er: "Wir kommen so rum."

Eine Plattform hierfür bieten die Großtauschtage in der Germeringer Stadthalle.

(Foto: Günther Reger)

Edmund Hörberg aus Markt Rettenbach im Allgäu hat sich auf Ansichtskarten verlegt. "Da geht der Trend hin", gibt sich der 77-jährige ehemalige Schreinermeister überzeugt. Unzählige Kästen hat Hörberg aufgereiht, alle fein säuberlich sortiert mit Trennblättern. "Ansichtskarten schreiben Geschichte", bekräftigt er sein Motto. "Das sind so 12 000 Ansichtskarten, die ich hier anbiete." Er holt eine ganz seltene aus einem Kasten. "Die ist von 1873 und wurde von Buchholz nach Chemnitz verschickt", sagt Hörberg und zeigt die Postkarte mit einer lithografischen Stadtansicht. Auch eine alte Ansicht von München aus dem Jahre 1888 hat er dabei. Der Händler ist 77 Jahre alt und betreibt sein Hobby, seitdem er Rentner ist. Beim Stöbern auf dem elterlichen Dachboden hat er die ersten alten Ansichtskarten gefunden.

Den ganzen Tag war kaum ein Besucher unter 30 Jahren zu sehen, wie viele Aussteller bestätigen. Schon gar kein Kind oder Jugendlicher. Trotzdem macht Andreas Drexler Werbung für seine Jugendgruppe des Dachauer Briefmarken Sammler-Vereins. Drexler ist 49 Jahre alt und Jugendleiter. "Drei Jugendliche zwischen zehn und 16 Jahren haben wir", erzählt er mit Stolz. Er hofft, dass sie bleiben. Häufig verlieren Jugendliche jedoch schnell wieder das Interesse an den Briefmarken. "Damit verlieren sie auch das Allgemeinwissen, wozu Briefmarken besonders beitragen."