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Historie:"Danach begann der Weg in die Vernichtung"

Brucks Stadtarchivar Gerhard Neumeier spricht über die Pogromnacht am 9. November 1938 im Landkreis

Interview Von Peter Bierl

Vor achtzig Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Menschen jüdischer Herkunft wurden von den Nationalsozialisten angegriffen, verschleppt, gefoltert und ermordet. Die zynisch als Reichskristallnacht bezeichneten Pogrome markierten eine deutliche Radikalisierung des Antisemitismus, der in den deutschen Vernichtungslagern endete. Was sich am 9. November 1938 in Fürstenfeldbruck ereignete, wollte die SZ von Stadtarchivar Gerhard Neumeier wissen.

SZ: Was geschah in Fürstenfeldbruck?

Gerhard Neumeier: Vergleichsweise wenig, weil in der Stadt nur wenige Menschen jüdischen Glaubens lebten, vermutlich waren es zehn bis zwanzig Personen, und es gab keine Synagoge. Drei Menschen wurden am 9. November 1938 im Landkreis verhaftet, Simon Erlanger aus Gröbenzell, Alfred Rosenberger aus Esting und Berthold Lehmann aus Bruck, und nach einigen Tagen wieder freigelassen.

War das typisch für eine ländliche Region und eine Kleinstadt?

Jexhof

Gerhard Neumeier ist seit 2008 (mit einer kurzen Unterbrechung) Leiter des Stadtarchivs von Fürstenfeldbruck. Der promovierte Historiker hat auch zur Geschichte des Nationalsozialismus im Landkreis geforscht.

(Foto: Günther Reger)

Nein, die Forschung hat sich lange auf die Großstädte konzentriert, aber wir wissen heute, dass es auch auf dem Land exzessiv zu Übergriffen kam. Anderswo in kleinen Dörfern reichte eine geringe Zahl jüdischer Menschen.

Gab es vorher schon Hinweise auf ein bevorstehendes Pogrom?

Nein, aber das Fürstenfeldbrucker Wochenblatt hat in den Tagen vorher ausführlich im Sinne des NS-Regimes über das Attentat von Herschel Grynszpan in Paris auf den Botschaftsangehörigen Ernst vom Rath berichtet und nach der Pogromnacht die Angriffe und Verfolgungen gerechtfertigt.

Wie war die Stimmung in Bruck?

Die Bevölkerung war mehrheitlich katholisch, hat aber das Regime getragen. Die Leute haben sicher mitbekommen, was in München am 9. November an Übergriffen und Zerstörungen passiert ist. Inwieweit das gebilligt wurde, wissen wir nicht, aber wir können davon ausgehen, dass die meisten geglaubt haben, was in der Zeitung darüber stand, dass es eine jüdische Weltverschwörung gebe, die Deutschland zerstören wolle.

Erinnerung an Hitlerputsch

Die örtlichen Nationalsozialisten feierten am 8. und 9. November 1938 in Eichenau, Germering, Jesenwang, Maisach, Puchheim und Unterpfaffenhofen die Einverleibung Österreichs und der sogenannten Sudetengebiete. Auch zelebrierten sie die Erinnerung an den gescheiterten Hitlerputsch von 1923. Sechs Teilnehmer von damals aus Bruck, die "Blutordensträger", marschierten am 9. November beim Gedenken in München mit. Am Abend gab Propagandaminister Josef Goebbels dort das Zeichen, die Pogrome auf ganz Deutschland auszuweiten. Daraufhin ermordeten lokale Kommandos aus NSDAP und SA jüdische Frauen und Männer, plünderten und verwüsteten Geschäfte und Wohnungen und zündeten Synagogen an. Die Gestapo verschleppte etwa 30 000 Männer in die Konzentrationslager, wo Hunderte ums Leben kamen. Am 15. November 1938 berichtet das lokale Parteiblatt der NSDAP: "Kreis Fürstenfeldbruck judenfrei." bip

Die Nationalsozialisten schikanierten die wenigen Juden in Fürstenfeldbruck von Anfang an. Welchen Stellenwert hatte die Pogromnacht?

Sie war ein Meilenstein auf dem Weg zum Holocaust. Vorher gab es die Entrechtung, Diskriminierung und Übergriffe, etwa die Überfälle auf die Viehhändler Bikart und Fröhlich im März 1933 oder die Boykottaktion vom April 1933. Landrat Karl Sepp ließ eine sogenannte Judenkartei erstellen, um die Opfer zu erfassen, der Brucker Bürgermeister Adolf Schorer verbot Juden 1935 den Zutritt zum Amperbad. Nach dem Pogrom begann der Weg in die Vernichtung. Etliche Menschen jüdischen Glaubens wurden deportiert und ermordet, wie Johanna Oppenheimer aus Schöngeising. Das Kinderhaus in Esting musste kurz darauf schließen, drei der Kinder wurden in Auschwitz, eines in Majdanek und vier in Kaunas ermordet. Berthold Lehmann konnte sich dank der Hilfe der Familie Lambert in Bruck zwei Jahre lang bis Kriegsende verstecken und überlebte.

Sie haben in Ihrem Vortrag im Rahmen der Brucker Zeitgespräche vom strukturellen Antisemitismus der evangelischen Kirche gesprochen, als einem Element, auf dem die Nationalsozialisten aufbauen konnten.

Der Antisemitismus findet sich schon am Anfang in den Predigten Martin Luthers gegen die Juden und er war in der Mitte der evangelischen Kirche tief verwurzelt. Außerdem gab es eine extreme Nähe der Kirche zum Staat. Es gab keine Reaktion der evangelischen Kirche oder auch der katholischen Kirche oder aus der Bekennenden Kirche auf die Pogrome, lediglich einzelne Pfarrer äußerten sich kritisch.

© SZ vom 09.11.2018
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