Thomas Schummer müsste nicht mehr arbeiten. Der Fürstenfeldbrucker Hausarzt ist 77 Jahre alt und somit im besten Rentenalter. Grund genug, die Füße hochzulegen, den Ruhestand zu genießen, zu verreisen oder sich um den Garten zu kümmern? Alles zu seiner Zeit, findet Schummer – und fährt kreuz und quer durch den Freistaat, springt ein, wo es brennt.
Der gebürtige Starnberger, aufgewachsen in München, ist ein Arzt auf Abruf, der sich von der Kassenärztlichen Vereinigung und dem medizinischen Zeitarbeitsportal Doctari vermitteln lässt. Vor allem an Arztpraxen, die personell kurzzeitig unterbesetzt sind – etwa aus Krankheits- oder Urlaubsgründen. Warum? „Ich möchte nicht nur mit dem Hund Gassi gehen und Zeitung lesen.“
Vor allem in ländlichen Gebieten gibt es ohnehin schon zu wenig Ärzte. Wenn dann eine Praxis ausfällt, ist das für viele Patienten eine Katastrophe. Die „Silver Doctors“, also Ärztinnen und Ärzte über 67, die freiwillig und flexibel weiterpraktizieren, seien „zu einer stillen Reserve im deutschen Gesundheitssystem“ geworden, heißt es in einer Mitteilung von Doctari. Und weil die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreichen, ist es schwierig, genügend junge Nachwuchskräfte als Ersatz zu finden für die Medizinerinnen und Mediziner, die aus dem Berufsleben ausscheiden. Der Altersdurchschnitt der Hausärztinnen und Hausärzte in Bayern liegt bei mehr als 55 Jahren.
Schätzungen zufolge fehlen landesweit 500 Hausärzte. Diese Zahl nannte jüngst Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU), die die ambulante Versorgung „vor großen Herausforderungen“ sieht. Mit Modellen wie der Landarztförderprämie soll gegengesteuert werden. Abiturienten können sich zudem in Bayern unabhängig von der Abschlussnote für einen Medizin-Studienplatz bewerben, wenn sie sich verpflichten, später in ländlichen Regionen zu praktizieren.

Angebote, die Schummer begrüßt. Um dem Landarztmangel langfristig beizukommen, müssten seiner Überzeugung zufolge aber auch die Honorare angehoben werden. Darauf deute auch der Umstand hin, dass sich nicht einmal für eine kostenlos zu übergebende Praxis immer Interessenten fänden. „Wenn Sie im Schnitt für einen Hausbesuch bei einem Kassenpatienten einschließlich Beratung, Untersuchung und Spritze oder was auch immer gemacht wird, nicht mehr als 25 Euro kriegen, dann stimmt was nicht.“
Bis solche Maßnahmen greifen, werden Ärzte wie Thomas Schummer händeringend gesucht. Dass er gebraucht wird, ist für den 77-Jährigen eine größere Motivation als die Bezahlung. Fünf Tage die Woche, von morgens bis abends, will der Arzt aber nicht mehr arbeiten, zumal er mehr Zeit im Ferienhaus im italienischen Treviso verbringen will. Seine Praxis in Mainburg hat er 2024 an seinen Sohn übergeben, einige Jahre zuvor war er bereits nach Fürstenfeldbruck gezogen, wo seine heutige Frau wohnte. Dort führt er „mehr als Hobby“ auch eine kleine Privatpraxis – ohne den Papierkram, den eine Kassenzulassung erfordern würde. Für Schmerztherapie und Sportmedizin, ohne Personal, ohne feste Öffnungszeiten.
„Die Menschen sind dankbar“
Reizvoll an dem zusätzlichen „Springerjob“ ist die Abwechslung: mal bietet er Sprechstunden in Kliniken oder Pflegeheimen an, dann in Hausarztpraxen – oder in großen Asylbewerber-Unterkünften. Im November war er mal vier Wochen am Stück im Einsatz: In Aschaffenburg sprang er für eine Kollegin im Mutterschutz ein, zog für die Zeit in eine Wohnung neben der dortigen Praxis. Ebenso lange dauerte das Engagement in einer Münchner Praxis. „Direkt an der Feldherrnhalle in der Theatinerstraße, traumhaft. Das waren lauter Alt-Schwabinger Patienten – ich stamme ja aus München. Also, das war dann auch vom Patientenklientel her sehr nett.“
Schummers Zwischenbilanz nach zwei Jahren: „Die Menschen sind dankbar.“ Bilder an der Wand seiner Praxis zeigen Patienten, die ebenfalls sehr dankbar für die Hilfe waren und die wiederum den Arzt geprägt haben. Auf zweieinhalb Jahre in Kanada, wo auch sein Sohn geboren wurde, folgte Namibia. Ein halbes Jahr arbeitete er in einem 800-Betten-Krankenhaus nahe der angolanischen Grenze. „Das war eigentlich medizinisch die schönste Zeit. Da hat man am meisten gelernt.“
Wie lange Thomas Schummer noch überall einspringen will, wo Not am Mann ist? „So lange es Spaß macht und es mir gesundheitlich so gut geht“, sagt der Hausarzt. In seinem Berufsleben ist das nicht mehr die Pflicht, sondern die Kür.

