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Handwerk:Gute Zapfen halten ein Leben lang

Eine Klappe führt ins Geheimfach dieser Ablage. Schreinermeister Hans Aumiller führt den Mechanismus des Gesellenstücks vor.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Beim Wettbewerb "Die gute Form" zeigen Schreinergesellen, wie sie Ideen mit ihrer guten Berufsausbildung umsetzen

Von Erich C. Setzwein, Mammendorf

Nicht Bäcker, nicht Metzger, auch nicht Bauarbeiter wollen viele junge Männer und auch immer mehr junge Frauen werden. Ihr Ding ist das Holz, es zu bearbeiten, dem Naturmaterial Form und Funktion zu geben, das wünschen sich viele Schulabgänger und wollen deshalb Schreiner werden. Ausbildungsplätze in Schreinereien sind immer noch sehr begehrt, die Konkurrenz unter den jungen Leuten ist dabei sicher so groß wie bei Bewerbungen für eine Lehre als Mechatroniker. Und neigt sich die Zeit als Lehrling dem Ende zu, muss ein Gesellenstück gefertigt werden. Dass man, wenn es gut gelungen ist, auch Preise gewinnen kann, das beweist jedes Jahr der Wettbewerb "Die gute Form" der Schreinerinnung.

Nur 80 Arbeitsstunden haben die angehenden Gesellen und Gesellinnen Zeit, um ein Möbelstück als Abschlussarbeit zu fertigen. Vom Entwurf bis zur Bewertung durch die Prüfer der Innung werden die angehenden Gesellen begleitet, und wer gezeigt hat, was er kann, darf am Wettbewerb teilnehmen. Und darauf hoffen, dass erst eine Jury auf Kreisebene ein besonders schönes Stück für den Landesentscheid der Innungen auswählt. Gibt es einen Landessiegen, wird dessen Gesellenstück im Bundeswettbewerb bewertet, der üblicherweise auf der Internationalen Handwerksmesse in München stattfindet.

Alle Gesellenstücke der Brucker Schreiner waren bislang öffentlich zu sehen. Zwar haben die Lehrlinge auch in diesem Jahr ihre praktischen Abschlussarbeiten angefertigt, aber Corona ließ eine öffentliche Ausstellung, die üblicherweise in der Sparkasse Fürstenfeldbruck stattfindet, nicht zu. Und so wurden zum ersten Mal alle Möbel in der Turnhalle der Johanna-von-Haldenberg-Schule in Mammendorf aufgestellt, wo es dann einen Nachmittag nicht nach Gummimatten, sondern nach frischen Lack roch.

Florian Ullmer ist einer der Juroren in Mammendorf. Der 25-Jährige Meister mit eigenem Betrieb in Biburg hat seinen 85 Jahre alten Großvater mitgebracht, der seinen Gesellenbrief 1952 bekommen hat, 1967 seinen Meister gemacht hat und 24 Jahre lang Prüfungsvorsitzender der Schreinerinnung Fürstenfeldbruck gewesen ist. Opa und Enkel müssen sich wie die anderen Juroren, die entweder der Innung angehören oder aus Politik, Handel, Handwerk und Gesellschaft kommen, die 18 Ausstellungsstücke genau angesehen und müssen 14 davon bewerten. Warum nicht die anderen vier? "Weil es Gesellenstücke sind von Lehrlingen, die nicht bei einem Innungsbetrieb gelernt haben", sagt Hans Aumiller, Schreiner aus Poigern und Vorsitzender des Prüfungsausschusses der Innung. Er bedauert es geradezu, denn auch diese vier Arbeiten zeigen die guten Ideen und die handwerklich gelungene Umsetzung. Und dann ist da noch ein Ausschlusskriterium. Teilnehmen am Innungswettbewerb darf nur, wer höchstens 27 Jahre alt ist. Einer der Gesellen aber hat diese Altersgrenze überschritten, dessen praktische Abschlussarbeit wird zwar ausgestellt, Punkte bekommt er aber nicht. Wer hingegen abräumt, ist Johannes Feicht aus Mittelstetten, der seine Ausbildung in der FPM Feicht Möbelwerkstatt in Mammendorf gemacht hat. Er ist wie alle anderen Gesellen nicht anwesend, die ausgestellten Stücke tragen nur Nummern, und es gibt keinen Hinweis auf Name und Betrieb. Feicht bewirbt sich mit einem Sideboard aus Nussbaumfurnier. Es könnte in einem Eingangsbereich aufgehängt werden, dort, wo man beim Reinkommen die Schlüssel ablegen und eine Tasche abstellen möchte, meint Aumiller. Die Form und die Gestaltung überzeugen die Mehrheit der Bewerter. Feicht darf sein Gesellenstück beim Landesinnungswettbewerb einreichen.

Nussbaum ist auch das Holz, das Sebastian Meschgang aus Landsberied für seinen Garderobenbank gewählt hat. Dieses Möbelstück, das er in seinem Ausbildungsbetrieb, der Schreinerei von Michael Brugglehner in Jesenwang, gefertigt hat, bekommt viele Punkte und landet auf dem zweiten Platz. Der dritte Platz geht an den Gesellen Alexander Weinzierl aus Biburg, der in der Landsberieder Schreinerei Hutter und Huber seine Lehre gemacht hat und als Abschlussarbeit einen Phonoschrank vorstellte. Furnierte Räuchereiche und dunkler Filz dominieren den Korpus, das Gestell ist auch Stahl. Und Gesellin Carolin Bals aus dem Betrieb von Otto Bals in Mammendorf hat ein TV-Board aus Eschenfurnier erdacht und gebaut. Funktionsteile aus Eisen werden mit starken, unsichtbaren Magneten gehalten. Platz vier war ihr dafür sicher.

Die beiden Florian Ullmer hätten jeweils andere Stücke zu Siegern gekürt, wie sie im Gespräch verraten. Beide Schreinermeister verbindet über die Familie hinaus eine ähnliche handwerkliche Sicht. Den beiden geht es weniger um die Optik, so kurios ein Entwurf sein mag, sie schauen auf die gezapften oder geleimten Verbindungen oder die ins Holz eingelassenen Schlösser und Scharniere. Das also, was der Lehrling gelernt hat und sein ganzes Berufsleben können muss. Es geht den beiden mehr um die Pflicht als die Kür.

Und da sind dann noch die Schubläden. Wer erst Geselle werden will und dann vielleicht seinen Meister macht, sollte ganz genau wissen, wie eine Lade gebaut wird. So gut und richtig nämlich, dass sie sich über die Jahre nicht verzieht, dass man sie stets ohne Mühe aufbringt, wie Prüfungsvorsitzender Aumiller anmerkt. Und dass sie nicht auseinanderfällt, weil sie schlecht gezapft wurde.

© SZ vom 09.09.2020
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