Die Ära des in die Kritik geratenen Gröbenzeller Bürgermeisters Martin Schäfer endet nach zwölf Jahren mit der Kommunalwahl 2026. Anstelle des Unternehmers tritt für die UWG die Juristin Claudia O’Hara-Jung an. Die Aussteigerin lebte zuletzt mit ihrer Familie in Spanien, um als Yogalehrerin zu arbeiten und zu meditieren. Vorher hatte sie dem Gemeinderat angehört. Mit ihrer Kandidatur um die Nachfolge von Schäfer kehrt sie in die Kommunalpolitik zurück.
„Sonne, Strand und Meer ist schön“, aber irgendwann habe das ihr gereicht. So begründete die 51-Jährige am Mittwoch bei der Nominierung im Freizeitheim ihre Rückkehr. Gemeinderätin Cordula Braun bezeichnet die Kandidatin euphorisch als „Meteoritin“, weil sie gleichsam aus dem Weltall einschlage.
Eine weitere Überraschung ist, dass Schäfer sein Amt aufgibt. Bis auf sein enges Umfeld wusste bis zur Nominierung niemand, ob er aufhören oder weitermachen wollte. Deshalb haben die 130 Wahlberechtigten und Gäste der Unabhängigen Wählergemeinschaft schon einen langen Abend hinter sich, bis offenkundig wird, dass eine Ära im Rathaus endet.
Die UWG versteht es, die Nominierung der Spitzenkandidatin und der 30 Bewerber für den Gemeinderat als unterhaltsamen Event zu inszenieren. Da die Gruppe weder eine Partei noch eine Organisation mit Mitgliedern oder einer Struktur ist, dürfen alle etwa 15 000 Wahlberechtigten der Gemeinde darüber abstimmen, wer ins Rennen geschickt wird. Es finden sich 110 Frauen und Männer ein, die sich unter Vorlage ihres Personalausweises registrieren lassen. Dazu kommen weitere 20 Interessierte, darunter die Bürgermeisterkandidaten von SPD und Grünen, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich bei der Konkurrenz zu informieren.
Die UWG ist bestrebt, ihren Gästen mehr zu bieten als das übliche Versammlungsprocedere. Sie inszeniert stattdessen ein Gemeinschaftserlebnis und setzt dabei auf Begeisterung für Kommunalpolitik, Individualität und das Gröbenzeller Lebensgefühl. In dem Ort geht man gern Sonderwege, schließlich gibt es dort auch eine Waldorfschule mit Gymnasium. Daher beginnt der Abend nicht mit Willkommensreden, sondern wie früher in einer Wohngemeinschaft mit einem Buffet aus selbst zubereiteten Speisen, Getränken und Kuchen. Es bleibt viel Zeit, sich zu stärken und ins Gespräch zu kommen. Die Kandidaten tragen Namensschilder, die Stimmberechtigten ein grünes Armband.
Zwei FW-Gemeinderäte tragen UWG-Schilder am Revers
Beim Kennenlernen, das ist der nächste Coup, mischen sich die FW-Gemeinderäte Cornelia Aicher-Leonbacher und Wolfgang Netschert mit UWG-Schildern am Revers unter die Gäste. Immerhin ist der verstorbene Mann von Aicher-Leonbacher jahrelang mit dem Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger durch Bayern gezogen, managte dessen Auftritte und trug maßgeblich zu dessen Erfolg bei. Das wurde ihm mit dem Posten des stellvertretenden Sprechers der Staatsregierung belohnt. Und nun wendet sich seine Witwe von Aiwangers Partei ab. Weil diese sich neu orientiere, begründet sie auf Anfrage ihren Wechsel.

Zum UWG-Zugang Netschert wird gespöttelt, dass es wegen dieses Schrittes in seiner Familie wohl kein schönes Weihnachtsfest geben werde. Sein Vater ist ein strammer CSU-Anhänger, der den Ortsverband mitgestaltete und prägte. Solche Seitenhiebe fechten Netschert junior nicht an. Er verweist darauf, dass den Gröbenzeller Freien Wählern zurzeit die Struktur für einen Erfolg bei der Kommunalwahl fehle. Da er aber weiter mitgestalten wolle, habe er sich eine neue politische Heimat gesucht.
Zum Wahlleiter wird der Fürstenfeldbrucker Oberbürgermeister Christian Götz (Brucker Bügervereinigung) gewählt. Dieser stellt sich als Vertrauter von Bürgermeister Schäfer vor, den er als Mitarbeiter an der Theke der einstigen Musikkneipe Hexe in der Bahnhofstraße schätzen lernte. Bevor in einem Wahlgang über alle 30 Bewerber der vorbereiteten Gemeinderatsliste abgestimmt wird, darf, wer Lust hat, kurz reden. Wie ein roter Faden ziehen sich Begriffe wie Freiheit, Ungebundenheit und Individualität, die jedem bei der UWG zugestanden werde, durch die Vorstellungsrunde. Immer wieder klingt die Begeisterung für die Wählergruppe, deren großen Zusammenhalt und das tolle Gemeinschaftsgefühl an sowie die Freude, sich dort zu engagieren.
Entsprechend deutlich fällt das Wahlergebnis aus. Von 110 ausgereichten Wahlzetteln werden 105 wieder abgegeben. Es gibt nur eine Nein-Stimme. 104 Wahlberechtigte stimmen der Liste zu. Rathauschef Schäfer begnügt sich mit Platz drei im Block der Nachrücker, der mit 99 Prozent angenommen wird.

Die Bewerbung von O’Hara-Jung für das Bürgermeisteramt wird begeistert aufgenommen. Die Kandidatin, die vor ihrer Auszeit als Justiziarin bei einer Versicherung tätig war, spricht die Politikverdrossenheit an, mit der sie sich nicht abfinde. Ihr Gegenmittel lautet, jeder müsse sich einbringen. Politik brauche Menschen, die hinhörten, Empathie hätten, sich einsetzten. Politik beinhaltet für sie, gemeinsam zu gestalten, mit Herz und Verstand anzupacken, sich seiner Werte bewusst zu sein. Als ihre Werte nannte sie Gerechtigkeit, Gleichheit, Toleranz und den Schutz der Demokratie.
Von 96 abgegebenen Stimmen entfallen 88 auf O’Hara-Jung, sieben Anwesende stimmen gegen sie, auf einem wohl ungültigen Zettel wird der Name Schäfer vermerkt. Der Noch-Rathauschef gesteht sein „niederschmetterndes“ Abschneiden ein. Es gebe nichts schönzureden, sagt er. Ihm und der UWG gelingt im Freizeitheim die Überraschung, angesichts einer schlechten Ausgangsposition die Stimmung ins Positive zu drehen. Das Fazit der Fraktionsvorsitzenden Ursula Bauer lautet: „Es war ein kurzweiliger Abend.“

