Gröbenzell:Türöffner für Deutschland

Gröbenzell: Sommerkurs Deutsch: Um die Ferienzeit zu überbrücken, wurde kurzerhand auf der Wiese neben dem Wohncontainer eine Schulklasse improvisiert.

Sommerkurs Deutsch: Um die Ferienzeit zu überbrücken, wurde kurzerhand auf der Wiese neben dem Wohncontainer eine Schulklasse improvisiert.

(Foto: David Kern)

In Gröbenzell kümmern sich Ehrenamtliche beispielhaft um Flüchtlinge. Doch es sind zu wenige. Der Asylhelferkreis sucht deshalb weiter nach Menschen, die eine Patenschaft übernehmen wollen

Von Christian Hufnagel, Gröbenzell

Es ist dieser eine Moment, der das bloße Interesse zur Tatkraft wandelt und der sich dann mit dem Vergleich "wie die Jungfrau zum Kind" in Worte fassen lässt. Anders kann sich Sibylle Nagler ihren Entschluss auch nicht erklären. Damals im Januar dieses Jahres, als die gelernte Journalistin und heutige Unternehmensberaterin für Personalentwicklung im SZ Magazin über Flüchtlingsschicksale las, die sie derart bewegten, dass sie sich gewissermaßen bewegte. Aus Anteilnahme wurde aktive Teilnahme. Die Gröbenzellerin fand auf der Homepage der evangelischen Kirche den örtlichen Asylhelferkreis und bringt dort nun ihre Kompetenzen ein. Sie übernimmt die Pressearbeit, auch um der bei diesem "empfindlichen Thema" immer wieder negativen Berichterstattung "Positives" entgegenzusetzen. Und dazu zählt etwa das Informieren über die Menschen hinter dem Wort "Flüchtlinge", wie auf dieser Seite dokumentiert, um Verstehen zu fördern.

Ihr Engagement reicht aber noch weiter, mitten hinein in eine Aufgabe, die wohl zu der wichtigsten im Helferkreis zählt und die sich zurecht pathetisch umschreiben lässt: "Wir sind ein Stück weit das Tor zu Deutschland. Das ist eine große Verantwortung." Dieser Türöffner nennt sich Pate. Sibylle Nagler kümmert sich gemeinsam mit anderen um eine Familie aus Nigeria - einen 42-jährigen Vater und seinen Sohn, der nun in die dritte Klasse kommt. 38 der derzeit 140 aktiven Helfer des Gröbenzeller Asylhelferkreises haben bisher diese mehr als weittragende Rolle übernommen. Aber angesichts von derzeit 75 Flüchtlingen, die in der Gemeinde in vier Unterkünften wohnen, sind das viel zu wenige: "Im Hinblick auf weitere Zuzüge von Asylbewerbern, genaue Zahlen können wir nicht absehen, benötigen wir auch in Zukunft Personen, die sich Asylpatenschaften vorstellen können", sagt die Arbeitskreis-Leiterin Lilo Nitz und hofft auf engagierte Bürger, die sich unter lilo.nitz@web.de melden können.

Wer einen Anstoß benötigt, muss nur Beweggründe lesen, die andere Paten niedergeschrieben haben: "Meiner Familie und mir, uns geht es trotz der Unwegsamkeiten des Lebens so gut. Da möchte ich gerne etwas zurückgeben." Eine andere versetzt sich in die Ankömmlinge: "Ich denke immer, ich wäre auf einmal mitten in Kabul, fünf Kinder an der Hand, in eine Burka gesteckt, und könnte keine Sprache. Wie froh wäre ich, wenn mir jemand helfen würde." Eine Dritte appelliert an das Gewissen: "Das Wichtigste ist: nicht wegschauen, sondern mit anpacken."

Bleibt man im Bild, das Sibylle Nagler bemüht, so ist es sicherlich ein schweres Tor, das ein Pate öffnet - Spalt um Spalt. Die Hilfestellungen sind so umfangreich wie ein Leben es nur sein kann, das sich in der Fremde einen Alltag erkämpfen muss. "Am Anfang ist der Aufwand erheblich, weil es viel zu erklären und zu erkunden gibt", sagt sie. Da gilt es zunächst, dem Flüchtling den Ort zu zeigen, ihn mit Kleidung zu versorgen, dann ein Konto zu eröffnen, das Gesundheitssystem und deutsche Gepflogenheiten nahe zu bringen, einen Anwalt zu suchen, zu Behörden zu begleiten und schließlich bei seinem Asylverfahren zu unterstützen. Bei all diesen Alltagsherausforderungen sollte eines im Vordergrund stehen: "Man muss immer den Respekt vor dem Menschen wahren, der hilfsbedürftig ist", sagt Sibylle Nagler.

Die christlich motivierte Unternehmerin sieht keine Alternative zur Unterstützung der Behörden bei der Integration: "Wir müssen das machen, sonst kommt es in zehn Jahren auf uns zurück", mahnt sie und spricht eine Befürchtung aus, die Realität werden könnte: "Wenn wir die Flüchtlinge jetzt nicht gut integrieren, werden wir ein riesiges soziales Problem haben. Wenn wir es gut machen, steckt darin eine große Chance für unsere Gesellschaft."

© SZ vom 26.09.2015
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