Gröbenzell:Mit Humor gegen die Pandemie

GRÖBENZELL: Kabarettistin Christine Eixenberger im Stockwerk

Trotz Corona-Pause sofort präsent: Christine Eixenberger beim "Stockwerk-Sommer" in Gröbenzell.

(Foto: Leonhard Simon)

Christine Eixenberger und ihre Begleitband verbreiten gute Laune

Von Karl-Wilhelm Götte, Gröbenzell

Kabarett, Open Air um 21 Uhr auf einem Parkplatz? Vormittags regnet es noch vor dem Stockwerk, die Begleiterin holt die Winterstiefel aus dem Keller, doch abends ist es nicht nur hell, sondern auch relativ mild. Und warm ums Herz wird einem dann auch gleich, wenn man - schon gut eingestimmt von der Drei-Mann-Band Die drei Kritischen - dieses lebensfroh schallende "Servus mitanand" und "Servus Gröbenzell" von Christine Eixenberger hört. Die 34 Jahre alte Schauspielerin und Kabarettistin hat im Lockdown ein neues Programm geschrieben, aber auch Bewährtes, wie die amüsante Wellness-Nummer, neu aufgelegt.

Neu ist die Band mit dem plaudernden Gitarristen und Frontmann Tobias Öller, Wolfgang Hierl (Flöte und Gitarre) und Erich Kogler am Kontrabass und Trompete. Das Trio, das zuvor Ciao Weiss-Blau hieß, ist musikalisch exakt und setzt mit seinen Texten ebenfalls gesellschaftskritische Akzente, wenn die Musiker die kapitalistische Globalisierung mitsamt der Billiger-Mentalität in den Metropolen auf Kosten der Produzenten heftig attackieren. Als Ensemble mit Eixenberger, die zusammen mit Öller 2010 ihre Kabarettkarriere begann, harmonieren sie bestens in Kreativität, Humor und Dynamik. Von Beginn an herrscht durchgehend Gute-Laune-Stimmung, wenn auch unter freiem Himmel Lachen und Klatschen sich schneller verflüchtigt als in einem geschlossenen Raum. Es ist eben noch längst nicht alles wieder normal. Aber Hauptsache: "Schee, dass ihr da seids, i gfrei mi so", sagt die Künstlerin, und das geht den etwa 120 Besuchern auf den Klappstühlen genauso.

Eixenberger ist trotz langer Bühnenabstinenz sofort in Hochform, und die Kombi "Kabarett mit Musik" bewährt sich prächtig. Da wünscht Eixenberger "gute Ent-Spahn-ung". Zur Melodie von "Auf der Schwäb'schen Eisenbahn" wird gleich mal Jens Spahn musikalisch aufs Korn genommen. Hatte der nicht unzulängliche Masken bestellt und wollte sie dann an Arme verticken? Da gäbe es noch andere Sachen, die man für die Armen sammeln könnte: "Wadenwickel von der Oma mit a bissl Quarkaroma" zum Beispiel. Und gleich danach nimmt sich Eixenberger den Corona-Online-Unterricht in der "Digitalisierungs-Diaspora" vor. Anschaulicher kann man nicht schildern, wer da während des Homeschoolings so alles im Hintergrund tobt, vom Meerschweinchen bis zum genervten Opa. Und aus dem digitalen Untergrund tauchen auch noch finstere Gestalten mitten in der Schulstunde auf: "I bin der Horst, derf i eich mein Zipfl zeign?" An der Lehrerin liegt's sicher nicht, wenn da einiges schiefläuft, und an der Mutter im Homeoffice auch nicht. Die braucht in Eixenbergers nächster Nummer starke Nerven, wenn das an der Spielkonsole viruskillende Kind ihr zuruft: "Naa, Mama, i kann dir jetz ned bei meinen Hausaufgaben helfen, i bin beim Häuserkampf." Kritisches Fazit der Künstlerin: "Unser Bildungssystem ist komplett marode."

Kritisch, witzig und in der Darstellung immer sympathisch und charmant präsentiert sich Eixenberger. Sehr amüsant ist die Begegnung mit ihrem ehemaligen Schüler Simon, der ihr als Bankberater - immer noch sprachlich faultierlangsam - eine Immobilienfinanzierung verkaufen will. Die ehemalige Grundschullehrerin zieht alle durch den Kakao, aber macht niemals jemanden lächerlich. Selbst dann, als sie einen heimlichen Handyfilmer im Publikum ausmacht. "In der Schule würd' ich jetzt sagen: Gib mir dein Handy, kannst es nach dem Unterricht wieder abholen" - und sie fügt an, das sei halt eine Veranstaltung nur ganz speziell für dieses Publikum. Netter kann man eine Unhöflichkeit nicht wegzaubern. Doch selbst bei liebenswerten Menschen ist die Liebe in Corona-Zeiten nicht einfach, schon gar nicht, wenn sie jung ist: "Wir waren einmal beim Vietnamesen, das war vor dem Lockdown: Unsere Beziehung kennt nur Venus oder Virus, Wohnzimmer oder Wald." Zur Abwechslung sind die Liebenden den Waldspaziergang neulich rückwärtsgelaufen.

© SZ vom 21.07.2021
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