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Gröbenzell:Kurzer Vortrag, wenige Fragen

Mit Masken und viel Abstand: Zuhörerinnen und Zuhörer bei der Bürgerversammlung in Gröbenzell.

(Foto: Günther Reger)

32 Gemeindemitglieder besuchen eine Bürgerversammlung mit Seltenheitswert

Von Karl-Wilhelm Götte, Gröbenzell

Im Foyer des Wildmoos-Hallenkomplexes wird jeder Besucher der Bürgerversammlung von einer Rathaus-Mitarbeiterin abgefangen. "Maske auf", deutet sie nachdrücklich an. Jeder muss seine Kontaktdaten niederschreiben, und sie gibt eine Nummer aus, die mit der Stuhlnummer in der großen Sporthalle korrespondiert. Dass diese Bürgerversammlung in Corona-Zeiten stattfindet, ist eine Ausnahme. Im Landkreis wurden im November-Lockdown sämtliche anderen Versammlungen dieser Art abgesagt; in Germering und Olching schon im Oktober.

Dass Gröbenzell eine Ausnahme bildet, hat wohl auch mit der Sturheit von Bürgermeister Martin Schäfer (UWG) zu tun. "Die Gemeindeordnung verlangt von mir, dass ich einmal im Jahr eine Bürgerversammlung machen muss", erklärt der Bürgermeister von Gröbenzell eingangs. "Es gibt keine Anordnung, die das in Frage stellt." Die Bürgerinnen und Bürger, die nicht kommen konnten oder wollten, könnten sich später eine Aufzeichnung der Veranstaltung auf der Internetseite der Gemeinde anschauen.

Einiges ist an diesem Abend anders. Bürgerversammlungen finden sonst im brechend vollen Bürgersaal im Ortszentrum statt. Da kommen schon mal 150 Besucher, und es gibt bei der Dreistunden-Veranstaltung im Anschluss an den langen Vortrag Schäfers leidenschaftliche Debatten mit enormer Publikumsbeteiligung. Diesmal sind 32 Besucher erschienen, darunter mehr als ein Dutzend Gemeinderäte und Rathaus-Mitarbeiter. Aufgestellt haben die Organisatoren in der Halle exakt 99 nummerierte Stühle mit jeweils zwei Metern Abstand.

Die wenigen Zuhörer mit Masken im Gesicht verlieren sich in der Halle, als sie der Rede des Rathauschefs lauschen. Schäfer, der vorne oben weit entfernt auf der Bühne steht, hält sich mit 50 Minuten kürzer als sonst. Er redet ohne Gesichtsmaske. Ein Techniker in der Halle sorgt mehrmals dafür, dass die Lüftung rattert und ein spürbarer Luftzug die Zuhörer umweht. Viele gute Nachrichten hat Schäfer nicht zu verkünden. Ja, das neue Rathaus soll im Spätsommer 2021 fertig werden. Schäfer bezeichnet den Bau als vergleichsweise günstig. Ansonsten sieht er den finanziellen Spielraum über die Pflichtausgaben der Kommune hinaus, angesichts der Einnahmeausfälle durch die Pandemie, dahinschmelzen. 2019 habe die Gemeinde noch 6,7 Millionen Euro zur Verfügung gehabt, 2021 werden es wohl nur noch 1,5 Millionen Euro sein. Damit sehe es zum Beispiel für einen Neubau des 42 Jahre alten Feuerwehrhauses nicht sehr rosig aus. Gesichert ist jedoch der Einzug des Familienstützpunkts und der Erziehungsberatung im Dezember in das ehemalige Polizeigebäude an der Augsburger Straße. Auch die Musikschule findet dort 2021 eine neue Heimat.

Gemeinderat Anton Kammerl (CSU) assistiert dem Bürgermeister beim Sortieren der direkten und Online-Wortmeldungen. Viel zu tun hatte Kammerl nicht. Sind sonst 30, 40 Fragen zu beantworten, sind es diesmal nur eine Handvoll. Ein Neubürger, mit seiner Familie aus München zugezogen, spricht am Saalmikrofon davon, dass er das Gefühl habe, die Kriminalität sei in Gröbenzell sehr hoch. "Bei uns in der Nähe wurde eingebrochen", fügt er als Beleg hinzu. Schäfer beruhigt ihn und verweist auf die Statistik, die etwas anderes belege. "Wir versinken nicht in Kriminalität", versichert er. Nachdem das Mikrofon akribisch desinfiziert worden ist, fragt ein Bürger danach, ob die Gemeinde beabsichtige, den Hebesatz für die Grundsteuer zu erhöhen. "Bisher ist das nicht geplant", sagt Schäfer, "aber für die Zukunft kann ich keine Zusage machen." Eine Online-Wortmeldung berichtet noch von "rücksichtlosen Rasern" auf der Eschenrieder Straße, nachdem die Tempo 30-Schilder dort abgebaut worden sind. Eine andere fordert eine Wettbürosteuer, die die Gemeinde erheben soll, für einen Wettbüroladen am Bahnhof. Nach exakt 90 Minuten schließt Schäfer die Versammlung mit den Worten: "Danke für ihren Mut, dass sie gekommen sind. Es hat sich gelohnt, ich hin froh, dass ich es gemacht habe." Der Schlussapplaus scheint ihm Recht zu geben.

© SZ vom 16.11.2020

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