Gröbenzell:Ein Star für drei Wochen

Gröbenzell: Manfred Schwarz ist Mitglied des Radlgruppe beim FC Puchheim und bewältigt auch seinen Alltag fast komplett ohne Auto.

Manfred Schwarz ist Mitglied des Radlgruppe beim FC Puchheim und bewältigt auch seinen Alltag fast komplett ohne Auto.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Stadtradler Manfred Schwarz verzichtet auf das Auto. Das klappt gut - bloß die kaputte Espressomaschine mag er nicht auf dem Gepäckträger transportieren

Von Peter Bierl, Gröbenzell

Zum Auftakt der Aktion Stadtradeln sind Manfred und Ursula Schwarz zurück von Mörnsheim im Gailachtal, einem kleinen Nebenfluss der Altmühl, gefahren. Über die Donau-Staustufe bei Burgheim, Schrobenhausen und Markt Indersdorf ging es nach Hause. Manfred Schwarz ist einer von vier Starradlern in Puchheim, die drei Wochen lang komplett auf das Auto verzichten. Er wohnt zwar in Gröbenzell, ist aber für die Nachbarstadt am Start, weil er als Mitglied des FC Puchheim in dessen Team fährt.

"Es ist überhaupt nicht schwierig, ohne Auto auszukommen", sagt der 64-Jährige, für den Radeln seit langem ein Hobby ist. Er und seine Frau haben sich im Lauf der Zeit von Touren- zu Alltagsradlern entwickelt. Von Anfang an unternahm das Paar größere Ausflüge, früher noch mit der kleinen Tochter, über mehrere Tage hinweg und radelte dabei von Gasthof zu Gasthof. Als nächstes hätten sie das Rennrad "entdeckt", mit dem man leichter und bequemer größere Strecken zurücklegen kann. Schließlich fuhr Manfred Schwarz, ein gelernter Physikingenieur, die etwa sechs Kilometer von Gröbenzell zur Arbeit im Gewerbegebiet Ikarus-Park in Puchheim. Ihn ärgert heute, dass er das nicht schon früher gemacht hat. "Das Autofahren haben wir über die Jahre hinweg immer weiter reduziert", erzählt er.

Mit zum Umstieg beigetragen habe die verbesserte Ausstattung von Fahrrädern. Die Reifen seien nicht mehr so häufig platt und das Licht funktioniere zuverlässig dank Nabendynamo. Passend zum Stadtradeln kam am dritten Tag der Aktion ein neues Fahrrad für Ursula Schwarz beim Händler an - nach einer Wartezeit von mehr als sieben Monaten, weil die Nachfrage in der Corona-Krise durch die Decke gegangen war. Das neue Gravel-Bike sei leichter als ein herkömmliches Trekking-Rad, aber nicht so geländegängig wie ein Mountain-Bike, berichtet er.

Am nächsten Tag probierten sie das neue Rad gleich bei einer Tour aus, die über Grafrath, Türkenfeld, am Kloster Sankt Ottilien vorbei und dann parallel zur Autobahn A8 nach Landsberg am Lech ging. Für die Rückfahrt wählte das Paar eine Route mit meist ruhigen Nebenstraßen über Kaufering, Luttenwang, Mammendorf und Maisach. Am frühen Abend schwangen sie sich wieder auf die Räder zu einer Tour im "Körberl-Team" des FC Puchheim über die Allacher Lohe, den Feldmochinger See, Schleißheim mit der Ruderregattaanlage und dem Karlsfelder See. Schwarz ist seit dreizehn Jahren Vereinsmitglied, anfangs war er in der Fitnessabteilung, dann entdeckte er die Radlgruppe, die mittwochs trainiert und sonst Touren von 80 bis 120 Kilometer absolviert. Im Jahr kämen die Teilnehmer auf bis zu 4 000 Kilometer, erzählt Schwarz.

Bei aller Liebe zum Fahrrad räumt Schwarz ein, dass das Auto vor der Haustüre ihm "ein Gefühl von Freiheit" verschaffe. In den drei Wochen als Starradler werde doch manches liegen bleiben, was er mit dem Rad nicht bewältigen möchte, etwa die defekte Espresso-Maschine zum Kundendienst nach Feldmoching zu transportieren, denn das Gerät wiegt etwa zwölf Kilogramm. Hätte er jedoch nicht schon einen Wagen, sondern müsste sich erst einen kaufen, würde er Car-Sharing vorziehen. Ein Auto sei so teuer in Anschaffung und Unterhalt, dass man sich von dem Geld eine Bahncard leisten und mit dem Taxi fahren könnte.

Im Garten der Doppelhaushälfte häuft sich indessen der Abfall aus geschnittenen Sträuchern und Rasen, den Schwarz eigentlich mit dem Elektro-Lastenrad zum Wertstoffhof bringen wollte. Er hatte das Gefährt beim Umweltamt der Stadt Puchheim reserviert, aber als er beim Rathaus im Schuppen stand, um das Gefährt abzuholen, musste er feststellen, dass der Vorderreifen platt war und nur von qualifiziertem Personal geflickt werden darf. Die Nachbarn haben ihnen angeboten, die Gartenabfälle mit ihrem Auto wegzubringen, aber das hat Schwarz dankend abgelehnt, weil er nicht schummeln will. Er überlegt, nach dieser Erfahrung einen Fahrradanhänger anzuschaffen.

Schwarz macht es großen Spaß, mit dem Rad unterwegs zu sein. Dass die Wege oft zu wünschen übrig lassen, daran hat er sich gewöhnt, weil er so oft unterwegs ist. Was er nicht verdrängt, ist die Gefahr. "Es gibt jeden Tag eine bedenkliche Situation mit Autos", erzählt er. Ganz schlimm sei es in Gröbenzell an der vierspurigen Staatsstraße nach Lochhausen. Dort sei lediglich ein Radweg auf den Asphalt gepinselt und obendrein ragen größere Wagen, die geparkt sind, noch in diesen Streifen hinein. Schwarz verweist auf die regelmäßigen Fahrradklima-Untersuchungen des ADFC. Sie zeigen, dass viele Menschen aus Unsicherheit und Angst nicht auf das Rad umsteigen.

© SZ vom 26.06.2021
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