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SZ-Serie, Teil 6: "Lebenslanges Lernen":Die Künstlermacherin

Gröbenzell: VHS-Serie - Bildhauerin UTE RICHTER

Den eigenen Ausdruck zu finden, das ist das Ziel, das die Bildhauerin Ute Richter mit ihren Arbeiten verfolgt. Als Dozentin der Volkshochschule Gröbenzell leitet sie auch die Besucher ihrer Kurse dazu an.

(Foto: Johannes Simon)

Die Dachauer Bildhauerin Ute Richter gibt Töpferkurse an der Volkshochschule Gröbenzell. Bei der 75-Jährigen lernen die Teilnehmer, ihren eigenen kreativen Ausdruck zu finden.

Von Ariane Lindenbach, Gröbenzell

Wer von einer geometrisch makellosen Schale, einheitlichen Tassen oder Tellern aus Ton und einem spielerischen Umgang mit der Töpferscheibe träumt, der ist bei Ute Richter fehl am Platze. In den Töpferkursen der 75-Jährigen bei der Volkshochschule in Gröbenzell geht es nicht um die Perfektion der Töpferware, es geht um viel mehr: den eigenen Ausdruck. "Das ist mir am wichtigsten, dass jeder seine Sprache findet", sagt die in Dachau lebende Künstlerin, die bis vor zehn Jahren auch als Kunst- und Werklehrerin tätig war. Aus diesem Grund beginnt Richter ihre Kurse in der Regel mit einer einfachen Übung. "Ich lasse eine Schale drücken, nur mit der Hand", das verrate sehr viel über die Person, die die Schale herstelle, und ihre momentane Verfassung, erklärt sie. Oft genug wende sie diese Übung bei sich selbst an, immer wieder mit anderen, bisweilen erstaunlichen Ergebnissen, verrät die Seniorin mit den kurzen Haaren, die sie deutlich jünger als 75 aussehen lassen.

"Eigentlich wollte ich Architektin werden", sagt Richter, die schwarze Hose und Weste trägt, roten Pullover und rotgerahmte Brille. Doch als Mädchen, geboren 1942 in Saarbrücken, war dieser Berufswunsch nicht realisierbar. Ihre Eltern waren aber so fortschrittlich, sie überhaupt einen Beruf erlernen zu lassen - auch das damals keine Selbstverständlichkeit. Also wurde sie Lehrerin für Werken und Kunst, später auch Hauswirtschaft. Ute Richters Vita ähnelt der von vielen Frauen: Sie heiratete, zog mit ihrem Mann von Baden-Württemberg nach Bayern, bekam vier Kinder. Mehr als 30 Jahre lebte sie in Germering.

Als der Nachwuchs sie nicht mehr ständig brauchte, nahm Ute Richter ihre Arbeit wieder auf. Sie unterrichtete unter anderem an der Grundschule am Niederbronnerweg in Fürstenfeldbruck sowie den Realschulen in Bruck und Germering. Soweit es ihre Zeit zuließ, wandte sie sich auch ihrer eigenen Kunst wieder zu. Ende der Siebzigerjahre begann sie mit Tonarbeiten bei verschiedenen Töpfernden wie etwa Nandl Eska. Zehn Jahre später machte sie erste Erfahrungen mit der Kunst des Raku-Brennens, eine spezielle aus Japan stammende Brenntechnik, die die Dachauerin im Lauf ihres Lebens immer weiter perfektioniert hat. Richter wurde Mitglied im Kunstkreis Germering und der Ateliergruppe 27. In beiden ist die viel beschäftigte Bildhauerin nach wie vor aktiv. Derzeit ist sie sogar mit den Vorbereitungen für vier Ausstellungen so beschäftigt, dass ihr in diesem Semester keine Zeit bleibt, ihren VHS-Kurs fortzuführen. Insbesondere die Vorbereitung der Werktage Germering Anfang Juni auf dem Ifo-Gelände, die sie "federführend mitorganisiere", nehmen viel Zeit in Anspruch. Aber auch die Ausstellung im Puc im Mai mit der ehemaligen Leiterin der VHS Germering, Angelika Brach, benötige viel Engagement.

Kursleiterin bei der Volkshochschule wurde Ute Richter durch eine glückliche Fügung. Es müsse etwa zehn Jahre her sein, da habe sie bei "Kunst im Stadl" im Maisacher Ortsteil Anzhofen ausgestellt, erinnert sich die 75-Jährige. Dort habe sie eine Mitarbeiterin der VHS Gröbenzell angesprochen und direkt gefragt, ob sie Interesse habe, einen Töpferkurs zu geben. Richter sagte zu. Und nach anfänglichen Missverständnissen - offenbar hatten einige der ersten Teilnehmer gehofft, bei der Tonkünstlerin die Fertigung von Gartenschmuck zu erlernen - "hat sich die Gruppe inzwischen so zusammengefunden und wir treffen uns auch privat", freut sie sich. Es sind fünf bis sieben Teilnehmerinnen, nur Frauen, die sich Semester für Semester bei Ute Richter wieder treffen. Seit vier Jahren schon. Die Dachauerin kennt alle mit Vornamen, weiß über jede eine Besonderheit ihrer Töpferkunst zu berichten. Und sie versteht sich selbst als eine Förderin des Ausdrucks, den ihre Kursteilnehmerinnen finden möchten. Ihre Aufgabe sei es lediglich zu "begleiten, unterstützen, was da kommt", oft benötige jemand nur noch etwas Hilfe bei der technischen Umsetzung, erzählt sie von ihren Töpferkursen mit künstlerischem Schwerpunkt. Und: "Ich lerne auch davon."

Das klingt gut, nach Kreativität und gegenseitiger Befruchtung. Allerdings hat Ute Richter noch einen zweiten, weitaus handfesteren Grund, als siebenfache Großmutter mit 75 Jahren noch einen Töpferkurs bei der Volkshochschule zu geben: Das Honorar finanziert ihr Atelier. Auch um die Beschäftigung bei der Gedenkstätte in Dachau sei sie sehr dankbar, sagt die frühere Lehrerin. Denn ohne diese Einkünfte müsste sie mit ihrer kleinen Rente schon sehr sparsam leben, gibt sie offen zu. Dabei habe sie ihr "ganzes Leben lang gearbeitet" - allerdings verzichtete sie wie viele Frauen zugunsten der Familie auf eine Vollzeitbeschäftigung. Das wirkte sich negativ auf die Beiträge in die Rentenkasse aus. Und hatte letztlich zur Folge, dass die aus Baden-Württemberg stammende Pädagogin in Bayern nicht verbeamtet wurde. Aber Ute Richter will nicht klagen. Sie sei dankbar für alles, ihre Familie, ihre Kunst, ihren Töpferkurs. Auf ihrer Vita im Internet steht ein Zitat von Brancusi: "The only art will come from what you find inside yourself." (Die einzige Kunst wird aus deinem Inneren kommen).

© SZ vom 18.04.2018

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