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Gröbenzell:Der Jäger im Rollstuhl

Buchcover Raphaels Rückkehr

Einen Ermittler im Rollstuhl hat Barbara E. Euler zu ihrer Hauptfigur gemacht.

(Foto: Verlag/oh)

"Raphaels Rückkehr" ist ein Krimi von Barbara E. Euler

Von Ariane Lindenbach, Gröbenzell

Raphael Rozenblad ist der beste Mann in Brügges Mordkommission. "Ein Jäger", wie sein Chef sagt. Zumindest war er das. Bis vor drei Jahren bei einem Einsatz ein Lkw ihn unter sich begrub. Seither sitzt Raphael im Rollstuhl, er hat keine Beine mehr. Jetzt ist er, 42-jährig und einigermaßen regeneriert, an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Als "Quotenkrüppel", wie es immer wieder in "Raphaels Rückkehr", dem Krimi-Debüt der Gröbenzeller Journalistin Barbara E. Euler, heißt, wird ihm ein vermeintlicher Routinefall zugewiesen. Was zunächst nicht einmal nach Mord aussieht, wird schnell ein brisanter Fall.

Malouf Muhamad, Koch eines französischen Restaurants, ist kurz nach Dienstschluss in der Küche zusammengebrochen und mit dem Kopf gegen eine scharfe Kante geknallt. Jetzt ist er tot. Bei der zweiten Untersuchung der Leiche, auf die Raphael besteht, wird eine kleine Einstichwunde an der Lende entdeckt, 0,8 bis 1,2 Millimeter Durchmesser, zwölf bis 15 Zentimeter lang. Jetzt darf Raphael nicht nur irgendeinen Mord aufklären. Denn der Tote ist für ihn kein Unbekannter. Er saß vor drei Jahren mit anderen Flüchtlingen in dem Kühlcontainer des Lkws, der auf Raphael und sein Motorrad stürzte. Auch zu dem Restaurant gibt es eine Verbindung: Es ist der Lieblingsfranzose seines Vorgesetzten.

Das ist der Plot, mit dem Barbara E. Euler die Leser mit auf eine rasante Reise durch Brügge nimmt. Die 53-jährige Mutter von zwei Kindern erzählt in knappen Sätzen, humorvoll und sehr dicht. Ein Beispiel: "Raphael schwieg und zeichnete. Jede angemessene Antwort wäre eine Ordnungswidrigkeit gewesen. Mindestens." Dabei gelingt es ihr mühelos, die Atmosphäre einer Situation zu skizzieren. Etwa : "'Gesehen? ...oh, non, non, mon Dieu ... Isch wäre in Ohnmacht gefallen... Die arme Mann ...', er machte eine Pause, um die Kehle zu befeuchten. Anna prostete ihm aufmunternd zu."

Wie es in dem ersten Krimi der Gröbenzellerin weitergeht, wird nicht verraten. Nur noch, dass die Leserschaft auch einiges vom Flair der belgischen Stadt mitbekommt. "Brügge ist für mich die schönste Stadt der Welt", schwärmt die Autorin. Sie lebt zwar mit ihrer Familie seit 26 Jahren in Gröbenzell. Doch durch ihren Mann, der aus Brügge stammt, hat sie einen starken Bezug zu der Stadt mit den vielen Brücken. In ihrem Buch habe sie dieser wunderschönen Stadt eine Bühne bieten wollen, erklärt Euler, die als freie Journalistin für Gastronomie-Fachzeitschriften arbeitet. Und sie habe Menschen mit Behinderung, ihren Alltag und ihre Probleme mehr in den Fokus rücken wollen, ergänzt sie.

Schreiben ist für Euler weit mehr als ein Beruf. "Ich schreibe einfach gerne", erklärt sie voll Leidenschaft. 2015 hat sie in ihrer Lieblingsstadt zudem eine Begegnung, die sie nicht mehr losließ und zur Initialzündung von "Raphaels Rückkehr" werden sollte. In einem Supermarkt sieht sie einen Mann im Rollstuhl. Sie reden kein Wort miteinander, doch seine Ausstrahlung "von Stärke und Stolz" beeindruckt sie so, dass sie wenige Monate später beschließt: "Den Mann muss ich zur Hauptfigur meines Buches machen." Dass es schließlich ein Krimi wird, kann sie nicht wirklich erklären. Sie selbst lese keine Krimis.

"Raphaels Rückkehr" ist im April im Selbstverlag erschienen. Nachdem sie die Geschichte vollendet hatte, hielt Barbara E. Euler in Brügge immer Ausschau nach dem Mann im Rollstuhl. Und tatsächlich sah sie ihn vor einem Jahr wieder, als sie einen Damm entlang radelte. Sie sprach ihn an und erzählte ihm, dass sie ihn zur Hauptfigur eines Krimis gemacht hatte. Er war höchsterfreut. Inzwischen hat sie ihm ein Exemplar geschickt und ihn wieder getroffen. In der nächsten Ausgabe von "Raphaels Rückkehr" wird er namentlich erwähnt. "Serge Van Belle ist ein erfolgreicher Para-Athlet, ein richtiger Kämpfer. Jetzt weiß ich, warum er eine solche Aura hatte", sagt die Autorin.

Barbara E. Euler, Raphaels Rückkehr, Taschenbuch, 336 Seiten, epubli, 11,99 Euro

© SZ vom 19.09.2020

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